Dienstag, 13. März 2012

Gastbeitrag 1.0

So meine Lieben,

ich sitze gerade in einem schaebigen kleinen Internetcafe inmitten Bangalores...In fuenf Tagen werde ich mit Hannes fuer drei Wochen Sri Lanka unsicher machen und daher wohl keine Zeit haben, meinen Blog zu pflegen.
Als Leckerchen fuer diese Zeit gibts allerdings den durchaus gelungenen Gastbeitrag meiner Eltern, ueber den ich mich sehr gefreut habe! Fuer mich war es eine sehr schoene und erkenntnisreiche Zeit... Voraussichtlich wird sich nach meinem Urlaub einiges fuer mich aendern doch bis dahin werd ich alles geniessen, was geht!!!

Viele liebe Gruesse und vielen Dank an Mama und Papa <3




Seit einer Woche sind wir nun wieder zurück in Deutschland und tragen die Bilder Indiens und die Erinnerungen in uns, die wie Blitzlichter immer wieder in unserem Alltag auftauchen.
Unsere Reise nach Indien hat schon im Vorfeld viel Spannung und Vorfreude in uns ausgelöst; sollten wir doch nicht nur ein fremdes Land mit seiner Kultur kennenlernen, sondern auch unsere Tochter wiedersehen, die seit einem halben Jahr in genau diesem, uns fremden Land zu Hause ist.
Unser Wiedersehen am Flughafen in Hyderabad war freudig emotional und erfüllte uns mit großer Dankbarkeit bei der Umarmung. Der Flughafen war so wie wahrscheinlich viele internationale Flughäfen weltweit und bereitete uns in keinster Weise auf das vor, was uns in der 5 Millionenstadt Hyderabad erwartete. Der für uns gewöhnungsbedürftige Linksverkehr war dabei das Geringste. Eng an eng schlängelte sich der Verkehr durch die Stadt -  Autos, Rikschas, Mopeds, Fahrräder, Menschen und Kühe schienen ohne Ordnung zu sein. Spiegel sind eingeklappt und Blinker scheinen keine Rolle zu spielen. Überholen ist rechts wie links in jeder Lücke möglich und Verkehrsregeln werden durch andauerndes und lautes Hupen geklärt. Aus einem geregelten, strukturierten Deutschland kommend bedeutete diese Ankunft in Indien eine leichte Überforderung. Und genau wie Birte uns sagte erlebten wir, dass in diesem offensichtlichen  Durcheinander sich alles doch auf ganz fantastische Weise regelt und dieses Chaos doch eine Ordnung zu haben scheint.
Diesen Eindruck sollten wir noch in ganz vielen Momenten und Begegnungen unserer Indienreise erleben.
Wir werden hier keinen Reisebericht schreiben, uns ist wichtig einige Eindrücke widerzugeben, die uns nachhaltig beeindrucken und beschäftigen.
Ohne die gute Vorplanung und Ausarbeitung der Route durch Birte und ohne ihren engagierten Job als „Reiseleitung“ hätten wir ganz sicher eine andere, nicht so individuelle Indienreise erlebt. Wir reisten mit Zug, Bus (sleeper bus), Taxi und Rikscha zu den unterschiedlichsten Orten ( Hyderabad, Bogaram, Bangalore, Maysore, Nargarhole und Goa), das Gepäck immer dabei und nicht wissend, wo wir die nächste Unterkunft haben werden.
Wenn man in den letzten Jahren einen doch sehr anderen Urlaub gemacht hat, so bedeutet ein solcher Urlaub in einem Land wie Indien - das so voller Schönheit und Müll, so arm und reich, so vielfältig und gegensätzlich und so voll von unterschiedlich lebenden Menschen ist - durchaus eine Herausforderung. Begegnungen unterschiedlichster Art, Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes haben so intensive Eindrücke bei uns hinterlassen die sicher noch lange nachwirken.
Am meisten beeindruckt hat uns das „indische“ Leben unserer Tochter, wie sie unter teilweise schwierigen Bedingungen sich den Aufgaben stellt und diese bewältigt, was wir sehr wertschätzen und bewundern. Ein besonderes Erlebnis unserer Reise war der Tag in dem Mädchenheim, zu sehen wo und wie sie lebt und die Begegnung mit den Mädchen und mit Alma, denn sie sind wichtige Personen in Birtes Leben geworden und gehören zu ihrem Alltag.
Wir sind dankbar, dass wir gemeinsam diese Reise mit unserer Tochter erlebet haben und wir ein bisschen teilhaben konnten an ihrem Leben. Wohl wissend, dass Eltern auch anstrengend sein können würden wir diese Reise jederzeit wieder machen (das soll keine Drohung sein!) und mehr von Indien entdecken wollen. Denn wir finden
                                         INDIEN IST ANDERS  -   INDIEN IST MEHR
Wir wünschen Birte eine schöne, erfahrungs- und erlebnisreiche Zeit und sind in Gedanken bei ihr


Montag, 5. März 2012

Wie ich versehentlich Alice Schwarzer stolz machte



Hier sitze ich nun in einer Halle gefüllt von Feministinnen. Lauter Fratzen, die stolz ihre Bein- und Gesichtsbehaarung zur Schau stellen, die für die Weiblichkeit kämpfen obwohl sie selbst aussehen wie weißrussische Kugelstoßerinnen. Bilde ich es mir ein oder hängen ihnen tatsächlich Schilder um den Hals, die in großen Lettern aussagen was keiner Aussage mehr bedarf: „Ich bin chronisch unbefriedigt!“?
Und während ich mir stundenlang Vorträge auf Telugu anhöre vertiefe ich mich in Gedanken, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen schlechtem Aussehen und dem übermäßigen Engagement in Sachen Frauenrechte gibt… Ach, sieh an, da hinten sind ja auch ein paar mickrige Männerchen. Die scheinen den Braten mit den unbefriedigten Emanzen gerochen zu haben –Quantität statt Qualität. Und auch wenn, oder gerade weil mir jedes Verständnis für das Erscheinen männlicher Besucher fehlt, so muss ich den Herren doch zugutehalten, dass sie Mut haben. Ich hätte angesichts der üblen Blicke viel zu große Angst, nur noch als halber Mann den Saal zu verlassen – echt.

Plötzlich hören meine Ohren, die längst darauf abtrainiert sind, nur noch ganz spezielle Wörter rauszufiltern und dann bis zu meinem Gehirn weiterzuleiten, ein mir nur allzu vertrautes Wort, das mir das erste authentische Lächeln des Tages entlockt: „Snacks!“

Ich eile runter. Kekse und Tschai – Strike! Erst jetzt wird mir klar, wie glücklich ich mich schätzen kann, einen Platz in der ersten Reihe zu besetzen, denn so konnte ich für lange Zeit verdrängen, welche Rolle ich an diesem Tag mal wieder übernehmen sollte: Ich bin der Affe im Zoo. Nein, schlimmer noch, denn die Menschen versuchen nicht einmal mich zu füttern sondern lediglich Fotos zu schießen und mich zu begrabschen. Ich lächle schüchtern und versuche jede Art des Blickkontakts zu vermeiden.

Buff, „AUA!“, „OH SORRY!!!“, „Verdammte Scheiße, geht’s noch?!“

Nicht nur, dass ich einfach mal so gewaltvoll angetippt werde, dass ich mir meinen kochend heißen Tee über den Arm kippe, nein, jetzt ist auch noch mein weißes T-Shirt im Arsch!

Eilig kommt eine Freundin der Attentäterin zur Hilfe: „Sorry, Madame, my friend doesn’t speak English!“

Freundlich lächelnd (für diese Darstellung hätte ich nen Oscar verdient!) drehe ich mich zu meiner Tee-Bekanntschaft um: „Ach weißt du, das macht üüüberhaupt nichts! Ist ja ganz selbstverständlich, dass ich hier durchgängig den Kasper spiele, der 200 Mal dieselben bescheuerten Fragen denselben bescheuerten Menschen beantwortet, die zwar in der Schule den Fragesatz gelernt haben, aber meine Antwort überhaupt nicht verstehen. Es macht mir im Übrigen auch tierischen Spaß mich mit so rücksichtsvollen Menschen wie du einer bist fotografieren zu lassen. Und davon abgesehen macht es mich regelrecht an, am Tag 80 Paar schwitzige Hände zu schütteln wenn es auf dem Klo nicht mal Seife gibt!“

„You are so nice, sister!“ lautet die Gegenreaktion.

Anstatt mir einen neuen Tee zu holen, beschließe ich, auf Toilette zu gehen. 

Geil.

 Da halten Emanzen Emanzenvorträge für andere Emanzen, in denen sie die Welt verändern wollen und zwei Minuten später werde ich vor die Tatsache gestellt, dass es in dem riesigen Gebäude sechs Toiletten für Männer und genau eine einzige für Frauen gibt. Die Reihe vorm Klo ist 20 Meter lang, macht nach dem Einsteinischen Klogesetz etwa 35 Minuten Wartezeit – zu lang!

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, denke ich mir und da ich sowieso der ungewollte Mittelpunkt der Veranstaltung bin, trete ich vor die Menge und unterbreite ein Angebot, dass man (also auch Mannsweib) nicht abschlagen kann: „Hey, can you listen for a second? Why don’t we just use the Gents toilet, too? I can only see women, so there won’t be any problem…!”

Blankes Entsetzen ist die Antwort. „No!“, „NO!!“, „No, no, no!!!!“, rufen alle hektisch durcheinander (in diesem Moment stellte ich fest, dass es doch irgendwo Frauen sein müssen…).

„Ach leckt mich doch!“, sage ich in neutraler Tonlage (der Ton macht die Musik!) und gehe entschlossen an der Warteschlange vorbei aufs Männerklo.

Mein Kopf redet noch etwa 5 Minuten mit den verklemmten Damen vor der Tür, die sich hoffentlich vor lauter politischer Korrektheit in die Hose machen, während ich mir bereits die Hände wasche. Plötzlich klopft es. HÄ? Klopfen? Eine Männerstimme ertönt: „Madame, please come outside!“, höre ich eine nun recht raue Männerstimme.

Moment mal, werde ich hier gerade aus dem Klo geschmissen?! Ich öffne die Tür. Ein Mann in Nadelstreifenanzug, groß gebaut, steht vor mir und guckt mich erbost an.

„I am the owner of this house and I you are not allowed to use this toilet! This is for men only, you have to use this toilet!”
“Ok, sorry…”, höre ich mich sagen. Bin ich eigentlich bescheuert?! OK?! SORRY?! Der Schnösel soll sich mal….Mann ey! Ich gehe völlig verunsichert zu meinem Sitzplatz zurück. 

Auf halber Strecke drehe ich mich auf dem Absatz meiner Flip-Flops um, laufe mit ausgestrecktem Zeigefinger zurück und brülle: „Eines sag ich euch: Ihr Emanzen seid auch nicht mehr das, was ihr mal ward!“

Samstag, 3. März 2012

Finally back: 3 minutes in the brain of Birte


Ich hab keine Lust


Ich habe beschlossen, dass der Satz „Ich hab keine Lust“, das beste Argument der Welt ist. Man sollte nichts tun worauf man keine Lust hat.

„Ach, die hat doch keine Ahnung, wie der Hase läuft!“, höre ich die Rufe schon bis nach Bogaram klingen. „Ich muss zur Arbeit, ich muss kochen und die Wäsche macht sich auch nicht von alleine!“, höre ich das ewigen Klagen.
Dabei ist die Gleichung doch eine ganz einfache:

Wenn ich keine Lust habe, meine Klamotten zu waschen, dann mach ich es halt nicht. Das Ganze geht so lang, bis ich nur noch Dreckwäsche im Koffer habe. Und dann hab ich plötzlich Lust zu waschen, weil die Unlust, mit dreckigen, stinkenden Klamotten rumzulaufen, die Überwindung jene zu reinigen schließlich übersteigt.

Würden wir alle nur noch Dinge tun, auf die wir Lust hätten wären wir glücklicher und in jeder Hinsicht reicher. Denn dass wir nur in den Dingen herausragend sind, die uns wirklich Spaß machen und interessieren ist keine Neuheit. Ich gebe zu, manchmal muss man seine Lust etwas austricksen, doch im Großen und Ganzen muss ich mir auch beim zweiten „Drüber-Nachdenken“ meiner Theorie eingestehen, dass ich Recht habe.

Ich habe  nicht über den Besuch meiner Eltern berichtet, weil keine Lust hatte, ich habe heute keinen Computerunterricht gegeben, weil ich keine Lust hatte, ich hab mir die Haare nicht gewaschen, weil ich keine Lust hatte und möglicherweise werde ich diesen Text nie ins Internet stellen einzig und alleine, weil ich dazu keine Lust habe.


Nein, heute gibt’s keinen Schlusssatz, denn: Ich hab keine Lust.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Schlaflos in Bogaram


Obwohl es stockfinster ist kann ich sie sehen. Vielleicht ist es Einbildung, vielleicht habe ich mich in dieser Vorstellung schon zu sehr versteift, vielleicht sind sie auch gar nicht auf der Suche nach mir. Ich zwinge mich, die Augen zu schließen. Nein, es ist nicht zu leugnen: Sie kommen näher. Ihre bedrohlichen Geräusche dringen unaufhörlich in meinen Kopf. Bitte, habt Gnade! Doch es bringt nichts, sie wollen mich und sie wissen, dass ich keine Chance gegen sie habe, es sind einfach zu viele. Ich bin ihnen hilflos ausgeliefert und das werden sie bis zum letzten Tropfen Blut ausnutzen. Mein Körper hat sich längst ergeben, lediglich ein kleiner Prozentsatz meines selbsterhaltenden Ichs will die Illusion eines friedlichen Ausgangs dieser Extremsituation nicht verwerfen, will den letzten Grashalm am Ufer des reißenden Flusses nicht loslassen.

Ein kurzer Blick auf mein Handy: 2:09 Uhr. Ich drehe mich auf die Seite. Verdammt, ich brauch dringend ne Idee. Und wieder spüre ich ihre Anwesenheit und stöhne wütend auf, Aggressionen kochen in mir hoch. Es ist wie der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Freezer und Son Goku, zwischen Bayern und St. Pauli. Bilde ich es mir ein, oder sehe ich tatsächlich im blassen Licht des Mondes ihre unheimlichen Schatten?
Noch seid ihr flink und auch die Dunkelheit spielt euch in die Karten, doch wartet es nur ab, spätestens morgen früh, wenn eure fetten Körper erschöpft von der langen erfolgreichen Nacht durch die Lüfte taumeln, eure schwachen Flügel euch kaum noch am Himmel halten, dann ist meine Zeit gekommen und ich schwöre euch, meine Rache wird grausam werden!

Was bilden sich diese hässlichen Kreaturen überhaupt ein?! Haben die denn nie aufgepasst, als es in der Schule um Evolution und Nahrungskette ging? Ich sehe es schlichtweg nicht ein, mich von einem Wesen, das mir so sehr unterlegen ist, belästigen zu lassen.

Toll, Noah, war ne klasse Idee, dieses Geviechs mit auf deine Arche zu nehmen! Mich hat nie jemand gefragt, ob ich zu deren Erhalt mit einer Blutspende beitragen möchte oder nicht. Und wenn es diese Mistviecher nicht mehr gäbe, würde sicher auch die Spinnenpopulation in diesem Zimmer erheblich reduziert werden.

Doch es macht keinen Sinn den Unsinn zu erkennen, wenn man ihn ohnehin nicht im Kern bekämpfen kann. Tatsache ist: In meinem Moskitonetz befinden sich 4 Mücken, außerhalb etwa die dreifache Anzahl. Ich habe lange Klamotten an, was bedeutet dass sie mich womöglich hauptsächlich in die Hände und ins Gesicht stechen und mich morgen wie einen Streuselkuchen aussehen lassen werden. Nach etlichen weiteren Minuten der Verzweiflung und des Nachdenkens, brachte mich folgender Gedankengang dann endlich zum Einschlafen: Lieber aussehen wie ein Streuselkuchen, als auszusehen wie ein Streuselkuchen, der nicht geschlafen hat.

Warum brauchen die einfachsten Gedanken immer am längsten, bis sie einem in den Kopf kommen?

Freitag, 27. Januar 2012

Über Liebe, Leben und Tod


Ich erinnere mich zurück an eine der längst vergangenen Biostunden, in der es um Adrenalin ging. Wie so oft (eigentlich kann man das auf meine gesamte Schulzeit beziehen) blieb nicht viel vom Gesagten hängen. Doch irgendwo in einer winzigen Gehirnzelle meines Kleinhirns zwischen den Etagen „Was ist der Sinn des Lebens?“ und „Was mache ich nächstes Wochenende?“ hat sich eine Aussage möglicherweise nachhaltig festgesetzt: Wenn sich der Mensch in Gefahr befindet, werden Unmengen von Adrenalin freigesetzt, die diesen dadurch schützen, dass der Körper angespannt ist, jede Zelle abrufbereit, wodurch man viel schneller auf äußere Einflüsse und neue Umstände reagieren kann, sprich: Adrenalin schützt.

Ich blicke mich um und frage mich, was mein Körper wohl tun würde wenn jetzt ein kleiner Stupser von hinten…

Ich merke wie meine Knie weich werden.

Aber nein, ich will ja nichts beschwören, denke ich mir und stelle mir bereits im nächsten Moment die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ich wohl überleben würde. Der Zug fährt so circa 120 kmh. Wenn ich Glück hätte und wirklich einfach nur rausfallen würde, wäre ich lediglich mit einem gebrochenen Arm und der Suche aus dem Nirgendwo konfrontiert. Doch sollte mein Körper einem eventuellen Sturz Widerstand leisten, könnte die Geschichte anders ausgehen, zum Beispiel mit der Kollision eines anderen Zuges, oder, was deutlich wahrscheinlicher ist, mit einem der etlichen Bäume die direkt neben den Schienen aus dem Boden ragen. Komisch, über den eigenen Tod nachzudenken und doch strahlen diese Gedanken eine gewisse Faszination aus.

Ohne darüber nachzudenken, greife ich zu meiner Tasche, fahre mit dem rechten Arm durch die lange Schlaufe und lasse sie dann bewusst aus meiner linken Hand gleiten. Da flattert sie nun, neben mir her, im Fahrtwind des Zuges. Mein Bargeld, meine Kreditkarte und mein Reisepass hängen am ledernen Faden, mit nur einer kleinen Bewegung wären sie wohl für immer weg – meine bürokratische Identität, vom Winde verweht. Ich lächle zufrieden, weil ich mich darüber freue, wie unbeschwert ich manchmal sein kann, wie unerwachsen, wie unvernünftig.

Ich ziehe sie wieder zurück ins Innere des Zuges. Noch immer beflügelt von meiner Leichtigkeit rutsche ich nun ein ganzes Stück weiter nach vorne auf die Stufe. Ich blicke nach unten auf die Schienen und versuche herauszufinden, ob mich das ratternde Geräusch der darüberfahrenden Räder nervös macht oder beruhigt. Egal. Ich löse meine Füße vom Brett und lasse die aus dem Zug baumeln. Adrenalin – überall. Wir fahren über eine Brücke, ich schau hinunter und sehe meine schwebenden Beine vor dem Hintergrund eines reißenden Flusses etwa 30 Meter unter mir.

Und jetzt realisiere ich erst, dass mit nur einer falschen Bewegung alles vorbei sein könnte. Und der Gedanke macht mich glücklich.

Was du als lebensmüde bezeichnen würdest, ist für mich nur eines: lebensbejahend.

Denn was mich so an diesem Leben fasziniert, was es für mich so lebenswert macht ist einzig und allein die Tatsache, dass es vergänglich ist und dass in einer einzigen Sekunde plötzlich alles vorbei sein könnte. Das ist der Reiz des Lebens, zumindest meines Lebens.

Ich beginne zu verstehen, was Alma gemeint hat, als sie sagte, sie habe sich wieder in ihr Leben verliebt. Denn hinter dem ganzen Adrenalin in meinem Körper versteckt sich auch jede Menge Glück. Ich begreife mein Leben als ein Geschenk. Und ich liebe es, weil ich frei entscheiden kann, was ich damit anfangen will, weil ich selbst entscheiden kann, ob ich die Tasche loslasse, ob ich die Beine baumeln lasse oder ob ich aus dem Zug springe.
Die Sonne geht unter und mein Blick streift über Chili-Felder, die bis zum Horizont reichen, über Kuhherden, die durch die Bäche laufen, über Menschen, die große Gefäße auf ihrem Kopf transportieren, über Ochsenkarren, die Reissäcke transportieren.

Die Melancholie in mir befiehlt meinen Augen, ein paar Freudentränchen auszustoßen, um diesen Moment endgültig einzigartig zu machen, ich ergebe mich ihr, sie hat die besseren Argumente.

Ich greife zu meiner Tasche, ziehe meinen Ipod heraus, und drücke „play“: Iggy Pop – The Passenger.

Und auch, wenn gerade alles traumhaft schön ist, vielleicht sogar perfekt – ich würde die Zeit nicht anhalten wollen, selbst wenn ich es könnte. Denn es warten ja noch so viele weitere perfekte Momente auf mich und die können immer nur dann perfekt sein, wenn man im Hinterkopf hat, dass sie jederzeit wieder vorbei sein können, eben wie das Leben selbst. Ich lasse die Hände los und wieder kribbelt es überall. Und jetzt wird mir klar, dass es nicht schlimm wäre, wenn ich jetzt sterben würde, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Denn solange ich in einem Moment sterbe, in dem ich gerade gelebt habe, ist alles gut, dann hätte ich nichts worüber ich mich ärgern würde, dann würde ich nichts bereuen.

Eine tolle Erkenntnis, die mich hoffentlich nie wieder verlässt.
Gleich muss ich aufstehen und aussteigen, diesen für mich magischen Moment beenden. Deshalb noch ein letztes Mal die Augen schließen und alles aufsaugen was geht.

Denn: „I am the passenger and I ride and I ride…”

Freitag, 20. Januar 2012

Eskalation im Computerraum


Was muss sich die Hexe nur gedacht haben, als sie das milchige Fenster zum Computerraum öffnete und das Spektakel sah, was sich darin abspielte?


Ich stehe in der Mitte des Raumes, schwinge meine Hüften von links nach rechts, fuchtel wie besessen mit den Armen in der Luft herum. Um mich herum stehen etwa 8 Mädchen im Kreis, feuern mich an und imitieren kreischend meine Bewegungen. Pravallika korrigiert aus der Ecke des Raumes meine Fingerhaltung, Lalitha schnappt sich das kleine Kinderfahrrad und fährt rythmisch vor und zurück, Sana klettert auf den Tisch und imitiert den Nightfever-Dancemove, Durga gröhlt den Text  und animiert alle Anwesenden zum Mitsingen. Es funktioniert, die Geräuschkulisse erreicht einen Pegel der eine Entscheidung zwischen „Boah-ist-das-laut-und-total-schief-ich-kann-hier-nicht-länger-bleiben-ohne-mit-erheblichen-Hörschäden-zu-rechnen“ und „einfach-nur-geil“ unmöglich macht. Wir tanzen, gröhlen, wackeln uns in eine Art Rauschzustand, so erscheint es mir.

„We all go to Mental Hospital!“ höre ich eines der Mädchen rufen. Schallendes Gelächter.

Singen, als ob niemand zuhört, tanzen, als ob niemand hinsieht.
Die traditionelle Kleidung und die männerfreie Welt erlaubt es uns, so sexy zu tanzen, wie wir nur können (und die Mädels können sexy tanzen – Aber Hallo!).

Was war passiert? Bis vor 10 Minuten war dieser Computerunterricht wie jeder andere auch…

Rückblick.

Vielleicht fing es mit Pravallikas trockenem Kommentar an, der mich so zum Lachen brachte.
„Sister, I cannot type.“ –„Why not?” – “Because this computer is confused.”

Vielleicht ging es weiter, als Manasa (ein 8-jähriges Genie) eine ihrer berüchtigten Grimassen schnitt und ich sie daraufhin als „Itsche“ bezeichnete, was ihr so gut gefiel, dass sie von nun an immer so genannt werden will.

Vielleicht war der Tropfen der das Eskalations-Fass zum Überlaufen brachte meine Ankündigung, dass Alma und ich ab nächster Woche Notiz darüber führen werden, wie konzentriert die Mädels sind um die Aufmerksamen unter ihnen am Ende des Monats mit Süßigkeiten zu überraschen.

„Aber damit fangt ihr erst nächste Woche an, oder?“ – „Ja, ab nächster Woche müsst ihr euch benehmen…“

Jetzt reicht ein Handzeichen aus und Saramma legt die völlig zerkratzte „Everybody on dancefloor – Volume 11“ CD ins Laufwerk.

Zuerst sind wir nur zu fünft. Doch wie die Fliegen ums Licht kreisen, so kreisen die Mädchen um jede Anlage, die ihre Lieblingsmusik spielt – vor allem, wenn sie dabei zusehen können, wie Priya Sister abgeht.

Völlig abgelenkt, aufgedreht, berauscht, bekomme ich gar nicht mit, wie sich der kleine Raum mit den drei Steinzeit-Computern allmählich füllt. Und so kommt es schließlich zur anfangs beschriebenen Szene.

Ihr Räuspern, ihr Husten, ihr Klopfen. Alles zieht an mir vorbei. Und gerade als ich auf dem Höhepunkt extravaganter Moves ankomme, öffne ich die Augen und schaue der Hexe (einer Anwältin, die hier aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend eingezogen ist und seither tägliche Gehirnwäsche mit den Kindern vollzieht) direkt in die Augen.

Wäre ich Stefan Raab und hätte einen Tisch mit roten Knöpfen vor mir gehabt, so hätte ich jetzt Emmas legendäres „Uppsi!“ abgespielt.

Stattdessen zucke ich zusammen, berappel mich und wuschel gefühlte drei Minuten in meinen Haaren herum, sodass eine Frisur zumindest wieder erahnbar ist.

„They should not dance, they have to study.“ 

Das ist alles. Pfffffffffff (x 10^37)!

Ich muss an eine Songzeile denken: „ You said I must eat so many lemons, cause I am so bitter.“

“One more song, please!”, rufen die Mädels. “One more song, please!”, sage auch ich nun.

Eine abwertende Kopfbewegung und das Geräusch ihres schlürfenden Ganges auf dem Flur.

„Hey girls, when we’re finally in Mental Hospital, we will start a revolution!“ rufe ich und hoffe, dass die Hexe diese Kampfansage noch gehört hat.


Musik an, Kopf aus. Denn wenn‘s am Schönsten ist, sollte man weitermachen.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Wie ich um ein Haar zu Spiderwoman mutiert wäre


„Der Blutdruck ist normal.“ 

Das ist das Letzte (und eigentlich auch das Einzige) was der Arzt zu mir sagt. Ziemlich frustrierend angesichts des langen Vortrages, den ich ihm gehalten habe, der Beschreibung des Krankheitsverlaufs, dass mich höchst wahrscheinlich eine Spinne in den Oberarm gebissen hat, dieser nun von der Schulter bis in die Finger schmerzt, sodass ich ihn kaum noch bewegen kann, dass meine Körpertemperatur innerhalb von 12 Minuten von 37,3 auf 39,8 Grad gestiegen ist, dass mir ständig schwindelig wird und schlecht ist und dass ich irgendwas will, was mich innerhalb weniger Minuten wieder topfit macht. Er drückt mir irgendeinen Wisch in die Hand und zeigt mit der Hand auf die Tür, also gehe ich.

Nun stehe ich draußen, beuge ich mich nach unten, um meine Schuhe anzuziehen.
Innerhalb weniger Sekunden wird mir schwarz vor den Augen, schwindelig, es zieht mich nach unten, zwingt mich in die Knie, dann auf mein Hinterteil und schließlich liege ich auf dem Boden.

Toll, denke ich, soviel zum Blutdruck!

Ich berappel mich (Anmerkung: Held!) und bekomme die Anweisung, den Zettel in meiner Hand einem Typen hinter einer Glaswand zu geben. Der schnibbelt irgendwelche seltsamen Tabletten aus und reicht sie mir.

„40 Rupees.“, sagt er. Für den Preis bekommt man nicht mal in Goa so viele bunte Pillen, denke ich mir und greife zu. Mit einem Papiertütchen voller bunter Tabletten und der Anweisung nach jeder Mahlzeit eine zu nehmen gehe ich also nach Hause. Auf dem Weg noch schnell zum Kiosk um mir Cola zu kaufen, schließlich muss ich was für meinen Kreislauf tun. Beim Kaufen widerfährt mir, was mich endgültig an der Qualität indischer Blutdruckmessgeräte zweifeln lässt: ich kippe erneut um und lande diesmal mitten in den Kürbissen. 

 Noch im Fallen beschließe ich, zwei Flaschen Cola anstatt einer zu kaufen.

Statt persönlicher Beratung vom Arzt oder Apotheker, statt informativer Packungsbeilage gibt’s selbstständiges Nachforschen bei Google und Wikipedia. Offensichtlich werde ich die Einnahme der Smartie-ähnlichen Teile überleben, sagt zumindest das Internet meines Vertrauens. Also rein damit.

Manno, ich will meine Mama, mein warmes Bett, meinen Fernseher, meine lila Plüschwärmflasche und geknetschte Banane mit Schokostreuseln!
Doch nicht mal Alma ist da, um mich zu bemuttern und zu bedauern...

Also hilft alles nichts. Und während mein Körper gegen das Fieber kämpft beschließe ich, etwas Sinnvolleres zu tun, als mein Bettlaken voll zu schwitzen – PUTZEN. Wenn mein körperlicher Zustand schon in den Händen der Pharmaindustrie liegt, dann will ich zumindest Herrin meiner psychischen Verfassung sein. Und was befriedigt mehr als Aufwand mit anschließendem Ergebnis (rhetorische Frage = keine Antwort erforderlich, selbst wenn man theoretisch eine parat hätte…)?

Die Medikamente wirken, das Fieber sinkt, mein Biss heilt ab.

Na toll, ausgerechnet jetzt erwähnt Hannes, dass Peter (Achtung an alle Familienmitglieder über 40: das wird Englisch ausgesprochen (=Pietär)) nach dem Biss einer Spinne auch erst Höllenqualen erlitt, ehe er zu Spiderman wurde...!!

Aber hey, wer braucht heutzutage schon Superkräfte, um die Welt zu retten (rhetorische Frage= keine Antwort erforderlich, selbst wenn man theoretisch eine parat hätte…achja, und an alle, die tatsächlich eine Antwort haben: Wer hat gesagt, dass ich nicht schon längst Superkräfte besitze? (rhetorische Frage=keine Antwort….ach das wird mir jetzt zu blöd (ob meine Blödheit Nebenwirkung der Medikamente ist oder aber der Ausgleich für meine Superkräfte, darf der Leser selbst entscheiden (wehe du triffst die falsche Entscheidung!))) ( für den Fall, dass ich eine Klammer vergessen hab, mach ich mal lieber noch eine))?

Und da ich immer noch kränklich bin, fühle ich mich nicht in der Lage, einen guten Schlusssatz zu formulieren. Sorry, aber ich fürchte, da hilft jetzt nur noch ganz viel Mitleid ;)