Samstag, 24. Dezember 2011

Stille Nacht, heilige Nacht


Ich sitze in meinem neuen schwarzen Kleid auf dem Dach. Über mir ist der schönste Sternenhimmel, den ich je sehen durfte. Mir ist kalt. Ich könnte jetzt aufstehen, runter gehen und mir eine Jacke holen.  Aber ich will frieren, nein, ich muss jetzt frieren.
Tränen laufen über meine Wangen. Ich müsste jetzt nicht weinen, ich könnte es aufhalten, mir geht es nicht schlecht, ich brauche kein Ventil, fühle mich nicht einmal einsam. Doch ich will jetzt gerade weinen. Vielleicht aus Entsetzen darüber, dass es mir gut geht.

Ich höre meine Wiedergabeliste mit dem Titel „Kummer“ und greife immer wieder in die Dose mit den Weihnachtsplätzchen. Ameisen  krabbeln über die Krümel. Nein, ich beseitige sie nicht, einzig und allein deshalb, weil sie Teil der unglaublichen Absurdität dieses Momentes sind.

Es ist ganz ruhig in mir. Ich singe drei Strophen von „Stille Nacht“, während ich höre, dass eines der Kinder unten bitterlich weint. Ich frage mich, ob mir diese Nacht heute heilig ist und auch wenn ich verzweifelte nach Argumenten suche, die diese Frage bejahen, so bin ich mir nicht sicher, ob sie ausreichen, um mich vollends davon zu überzeugen.

Ich rechne viereinhalb Stunden zurück, schließe die Augen und sehe mich, wie ich vorm Spiegel stehe, mich schminke, die Haare kämme, Mütze, Schal und Handschuhe anziehe, mein Horn nehme und zur Kirche gehe.

Ein Flugzeug. Ob ich gerne darin säße? Nein.

Ich finde einen Zettel in meiner Tasche. „Happy Christmas Priya-Sister! I love you.“

Und plötzlich singt Jack White mit seiner unglaublich unnahbaren Art „I´m lonely, but I ain’t that lonely now“. Wie automatisch stelle ich den Laptop weg und lege mich hin. Dieser Augenblick ist viel zu wertvoll, um ihn mit dem Schreiben eines völlig gehaltlosen Blogeintrags zu zerstören.


Ich sehe eine Sternschnuppe und jetzt weiß ich: Diese Nacht ist heilig.





Frohe Weihnachten!

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Aus dem Leben eines A-Promis*


„AAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

(dieser Ausruf ist mindestens 2 Oktaven höher, als du ihn dir gerade vorgestellt hast)

„HIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHI“

(dieses Kichern wird von mindestens 10 Frauen mehr ausgestoßen, als du gerade gedacht hast)

„HAHAHA!“

(dieses Lachen….nein, Stopp, das sind jetzt lediglich Alma und ich)


Ein bisschen peinlich berührt, irgendwie auch sehr geschmeichelt, laufen wir unseren (mittlerweile täglichen!) Gang zum Kiosk in Bogaram. Wer ist eigentlich dieser Justin Bieber? Wer kam eigentlich auf die Idee, man würde von zu viel Ruhm irgendwann abheben? Wer glaubt eigentlich an das Gerücht, man müsse irgendwas Besonderes leisten um berühmt zu werden? Wer hat eigentlich bestimmt, dass der Walk of Fame in Hollywood und nicht in Bogaram ist?

Die Antwort ist bei allen Fragen dieselbe: ein Idiot. Oder zumindest ein Weltfremder, den es noch nie in das allseits berüchtigte Bogaram verschlagen hat. Ein Idealist, der einfach noch nie dabei war, als Alma und ich das Heim verlassen haben und wir jubelnd, schreiend und quietschend empfangen wurden.

Wäre die Straße zum Kiosk nicht nur von Müll, Tierkadavern und Schlaglöchern übersäht, sondern stattdessen mit Häusern bebaut, in denen Menschen wohnen, die eventuell noch Fotoapparate hätten, so käme unser täglicher Spaziergang der Hochzeits-Kutsch-Fahrt von Kate und William gleich. Frauen stehen auf der Ladefläche eines an uns vorbeifahrenden Autos und winken schüchtern. Sobald wir ihnen eines unserer Hollywood-Zahnpasta-Lächeln schenken (im Vergleich zu indischen Zähnen hat JEDER dieses Lächeln!), und dabei gegebenenfalls noch zuwinken, sodass selbst die Queen neidisch wäre (als würde man sanft ein Honigglas aufschrauben, das auf dem Kopf steht…), flippt die Damenwelt nur so aus (die Männer natürlich auch, aber die signalisieren es eben anders…irgendwie…NOCH primitiver…)!

Und diese Reaktionen erfahren wir überall, wo wir auftauchen. Ich denke zurück an den Tag als wir im Zoo waren wo wir für viele Besucher die größte Attraktion (kommt in diesem Fall ganz sicher von „attraktiv“!) darstellten und somit Safari und Zugfahrt in den Schatten stellten. An einem einzigen Tag wurden gefühlte 200 Fotos von uns geschossen, in denen wir abwechselnd mit Kindern, Vater, Mutter oder allen zusammen posieren.

Irgendwann, als wir für mehrere Familien hintereinander Fotos fürs Familienalbum schossen, sagte Alma: „Egal, was jetzt passiert, wir rennen einfach los!“
Und das taten wir dann auch und ignorierten die „Please, madame!“-Rufe.

Die gleiche Szene, immer wieder. Und es ist immer wieder ein Spagat zwischen Scham und Ehre. Und während ich so weitergehe auf dem Weg zum Kiosk und darüber nachdenke, dass ich nicht sonderlich gelenkig bin und daher eigentlich überhaupt keinen Spagat machen kann und mich frage, ob das dann bedeutet, dass ich mich in solchen Spagat-Geschichten für eine Seite entscheiden muss oder ob meine Sportlichkeit doch in keinem Zusammenhang mit der Frage steht, welches Gefühl bei mir überwiegt und wer weiß, vielleicht kann ich das ja auch gar nicht steuern und lenken, vielleicht werde ICH davon gelenkt, meine ganze Gedankenwelt, quasi völlig manipuliert von meinen Gefühlen und meiner Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, aber jetzt muss ich echt aufpassen und mich zusammenreißen, damit ich mich nicht wieder völlig in gehaltlosen Gedankenfetzen verfranse, sonst……..und als ich gerade beschließe Spagat zu lernen, merke ich, dass ich auf weichem Untergrund stehe.

„HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ????“

(dieser Begriff des Unverständnisses ist viel entsetzter, als du gerade gedacht hast)

„SCHEIßE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

(dieser Ausdruck bedeutet zwar nicht, dass ich in Kot stehe, ist jedoch trotzdem mindestens so entsetzt wie der zuvor genannte!)

Schnell drehe ich mich zu Alma um, in der Hoffnung, dass sie mir nicht gefolgt war – vergeblich. Sie blickt ebenfalls fragend auf den Boden.

„Scheiße, Alma, wir stehen gerade im frischen Beton.“

Zur vollen Blamage hätte jetzt nur noch ein Spagat gefehlt – wie gut, dass ich den noch nicht geübt hab!

Und da ich schon immer für meine sachliche präzise Situations-Analyse bekannt war, da ich ein logisch strukturierter Mensch bin, dessen Hirn effizienzgeleitet sofort den eigenen Fehler diagnostizieren kann und dann sofort nach Lösungen sucht, den Schaden möglichst gering zu halten, gehe ich nicht die zwei Schritte weiter, um dann wieder auf festem Boden zu stehen, sondern stattdessen die fünf Schritte zurück durch die klebrige Pampe.

Unter den interessierten Blicken etlicher Menschen legen wir unseren „Hä? War irgendwas?“-Blick auf (der auf einer Stufe mit dem Zahnpasta-Lächeln und dem Queen-Winken steht) – natürlich absolut glaubwürdig, nicht nur, weil es mal locker 20 Zeugen gibt, sondern zudem noch unsere Fußspuren in den Boden eingestanzt sind und wir noch frischen Beton unter den Sohlen kleben haben.

Wie war das doch gleich? In Bogaram gibt’s keinen Walk of Fame? Pah, von wegen!
Dass Justin Bieber noch nicht in Bogaram war, ist jetzt auch kein Wunder mehr (schließlich würde der vor Neid erblassen!).
Dass man nichts Besonderes leisten muss, um berühmt zu werden, hätten wir jetzt somit auch widerlegt (das soll uns erst mal jemand nachmachen!).

Nur das mit dem Abheben bei zu viel Ruhm kann ich nicht bestätigen:
Schließlich kann ich in meiner Position mit gutem Gewissen und voller Berechtigung erwarten, standesgemäß vom Pöbel empfangen zu werden!


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*  Parallelen zu „Aus dem Leben eines Taugenichts“ sind hier rein zufällig

Montag, 12. Dezember 2011

Von hinten bis vorne


Heute, 12:23 Uhr:


Durga Bhavani verzieht das Gesicht. Angewidert. Die Mundwinkel hängen dabei fast tiefer als das Kinn lang ist. Sie stöhnt genervt auf, greift dann zielsicher auf das runde Stück Metall, nimmt eine bunte, zusammenklebende Masse in die Hand und schiebt diese rüber zu Ashwini, die sich gerade angeregt mit Lalitha unterhält und dabei wild gestikuliert. Um ein Haar schlägt sie Durga Bhavani das Stück aus der Hand als sie nach oben zeigt. Das macht Ashwini stutzig. Sie blickt nach unten und  sofort macht sich Entsetzen in ihr breit. Alles an ihrem Körper wehrt sich dagegen, dieses Geschenk anzunehmen. Auch Lalitha hat die Lage erkannt und will ihrer besten Freundin in diesem schwierigen Moment beistehen. Von tiefer innerer Verbundenheit geleitet wagt sie sich, das Stück nun auch in die Hand zu nehmen, um Ashwini von ihrer Qual zu erlösen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wird das Stück nun zu Laxmi befördert. Verdammt was nun? Alle Tricks, das harte Los irgendwie abzuwehren, sei es durch schnelle Reaktionen mit den Händen oder die Solidarität der besten Freundin, scheinen aussichtslos.

Oder etwa nicht?

 Tränen steigen in Laxmis Augen. Das Mädchen mit der höchsten Stimme fängt an, herzzerreißend zu weinen. Das ist kein Weinen, das ertönt, wenn ein Kind hingefallen ist und sich verletzt hat, nicht so als hätte man ihm sein Lieblings-Spielzeug weggenommen. Nein, das Weinen, das aus Laxmis Kehle erklingt, durchfährt Mark und Bein, denn es ist ein Weinen, als hätte ihre Mutter vergessen, sie aus dem Kindergarten abzuholen. „Chinnar-Akka!!!“, brüllt sie los. Diese stürmt herbei um ihrer kleinen Schwester zu helfen. Als hätte sie bereits geahnt, was sie erwartet, springt Anusha hektisch auf, klettert auf die Arbeitsplatte und hält ihre Metallschüssel so hoch wie sie nur kann. Doch es hilft nichts. Chinnari hält das bunte Etwas längst in ihren Händen, erklimmt ebenfalls die Arbeitsplatte und schmeißt es mit aller Wucht in Anushas Schüssel. In diesem Moment betritt Sana die Küche und Anusha erkennt, dass dies ihre Gunst der Stunde ist, denn jene hatte schon längst alles zurechtgestellt, war aber noch etwa 5 Meter davon entfernt. Jetzt oder nie! Sie greift nach dem klebrigen Stück und schiebt es Sana unter, die von dieser Aktion nichts mitbekommen zu haben schien. Aufatmen auf allen Seiten.

„Chiiiiii!!!!“, quietscht Sana, als sie erblickt, was vor ihr liegt.
Ein langer Monolog beginnt, indem immer wieder Ausdrücke des Ekels und das Wort „sister“ vorkommen. Ein Lächeln huscht mir über die Lippen. Ich muss kichern. Jyoshna sieht schockiert zu mir auf und realisiert, dass ich seit 2 Minuten unbemerkt im Türrahmen stand und die ganze Szene beobachtet hatte. „Siiiiiiiister!!!“
Schimpfen, Schläge auf den Hinterkopf der Mädchen und aggressives Gestikulieren sind die Folgen meiner Erscheinung.

„So nice, sister!“, sagen schließlich alle im Chor und grinsen mich dabei an.



Gestern, 20:26 Uhr:


Mit noch leicht nassen Haaren und sehr trockenem Humor sitze ich auf dem Boden, blicke von einem Mädchen zum anderen und muss lachen. Der Anblick der sich mir bietet sagt alles, obwohl um mich herum völlige Stille herrscht. Zwischen den Blickwechseln der Mädchen, stehen keine Sätze sondern ganze Romane, die solche Überschriften wie „Als ich das Wasser trinken musste, indem meine Großmutter ihr Gebiss gewaschen hat“, „Wie ich die Haltegriffe der Berliner U-Bahn ableckte“, oder „Nacktbaden im New Yorker Abwasser“, tragen könnten. Unbeeindruckt führe ich meine rechte Hand zum Mund. Wäre das schweigsame Spektakel um mich herum nur halb so interessant, ich würde vor Genuss die Augen schließen. Ich blicke rüber zu Alma und wir beschließen, aufzustehen und zu gehen, die Situation dem Schicksal zu überlassen, oder einfach dem menschlichen Instinkt. Wir gehen durch die Tür nach draußen. „So nice, sister!“, ertönt es gleich aus mehreren Hälsen. Ich lache.



Gestern, 18: 17 Uhr:


Frisch geduscht und voller Elan greife ich nach dem Messer und beginne die Tat, die mich noch etwa zwei Stunden lang beschäftigen sollte. Viele Gedanken hatten wir uns gemacht, zumindest was Menge und Art betraf. Nun bin ich fest davon überzeugt, dass es ein Erfolg wird. Alles andere würde die Zerstörung meines Weltbildes bedeuten, oder zumindest einem starken Rütteln daran gleichkommen. Die Musik im Hintergrund macht die Arbeit erträglich. Ständig versuchen Mädchen, zu erspähen, was sie erwartet, doch die Türen sind verschlossen und der Schutzwall errichtet.
„Und??“, frage ich Alma erwartungsvoll. Sie nickt zufrieden und entgegnet „Also ich finds gut!“
Es klopft an der Tür. Ich öffne sie und erblicke Nagomanie, die höflich um Einlass bittet, um etwas zu trinken. Sie kommt rein, zeigt auf den Boden und sagt: „So nice, sister!“
Diese Bestätigung hätte ich nicht mehr gebraucht, denke ich mir.



Donnerstag, 10:53 Uhr:


„Also ich hätte mir 10 kg irgendwie schwerer vorgestellt!“, sagt Alma, die den Sack auf dem Rücken trägt. Ich laufe neben ihr, halte zwei prall gefüllte Taschen in den Händen und stöhne auf. Es ist zu warm und zu beschwerlich, diese elende Schlepperei.



Vor etwa 2 Wochen:


„Also machen wir jetzt Nudeln mit Tomatensoße??“, frage ich und bekomme eine bestätigende Antwort.



Heute, 14: 49:


Ja, so war das gestern. Wir wollten den Mädchen einen Einblick in die deutsche Kultur bieten und wo lernt man eine Kultur besser und schneller kennen als beim Essen? Also beschlossen wir, aus den geringen Möglichkeiten, hier was typisch Deutsches zu kochen, das Beste zu machen. Wir besorgten 10 Kilo Nudeln und 5 Kilo Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Und, da uns die Tomatensoße zu teuer war, noch 4 Liter Ketchup. Wir zauberten ein wirklich leckeres Gericht, auch wenn das kaum vorstellbar ist, angesichts der Alternative für die Tomatensoße (allerdings haben wir dafür immerhin bunte Nudeln gekauft!).
Es war eine Katastrophe. Niemandem hat unser Essen geschmeckt (von Alma und mir selbst mal abgesehen)! Aus „Wann gibt’s endlich Essen, ich hab totalen Hunger?!“ wurde „Nee, lieber nicht so viel, ich bin heute nicht so hungrig!“, und aus meiner Ankündigung „Wir machen echtes deutsches Essen für euch!“ wurde ein rechtfertigendes „Naja, das ist eigentlich kein deutsches, sondern italienisches Essen…“.

Heute sollten dann die Reste gegessen werden, was unter elender Qual, unter Tränen und Schlägen dann auch widerwillig geschah.

Auch wenn die Geschichte keine Moral hat und ich nicht weiß, ob und was wir falsch gemacht haben, so bleibt mir doch ein Satz immer im Ohr: „So nice, sister!“

„Ja, ich weiß!“, denke ich mir jetzt und lächle zufrieden.



Mittwoch, 30. November 2011

Meine Mädchen, meine Kaste, mein Gewissen



KULTURSCHOCK! Das ist das erste was meinem Hirn einfällt, als die Türen unseres vollgestopften Autos endlich aufplatzen und wir hinaus können. Und dieser Gedanke, dieses Stichwort, das sich in jede Zelle eingenistet hatte, ist nicht nur einfach so da, wie eine Botschaft auf einem weißen Zettel der da irgendwo im Chaos meines Gehirns rumliegt, sondern steht auf großen bunten Luftballons geschrieben, die von Konfettimassen abgeschossen werden während dazu David Hasselhoff im Superman-Anzug auf einer großen rosa Wolke „I´ve been looking for freedom“ singt und auf dem Kopf einen Bauarbeiterhelm mit roten Alarmglocken trägt, die ununterbrochen dieses nervtötende Geräusch ausstoßen. Sprich: Es ist nicht schön, aber ich kann es auch nicht ignorieren.

Der Anblick, der sich meinen Augen bietet, nein, aufdrängt, wird euch möglicherweise lächerlich erscheinen, aber mich zieht er mit aller Gewalt in den Kulturschock-Topf, wie einen Hummer, der lebend gekocht wird, und was dabei rauskommt ist eine undefinierbare Grütze aus „ich-weiß-ich-bin-eine-typische-Westlerin-möchte-mich-aber-auf-die-indische-Kultur-einlassen-merke-jedoch-gerade-dass-ich-genau-von-den-Menschen-angewidert-bin-zu-denen-ich-mich-vor-kurzer-Zeit –noch-selbst-gezählt-hätte-die-ich-aber-seit-ich-hier-lebe-zwangsläufig-völlig-vermieden-habe-und-jetzt-erst-merke-wie-viele-Welten-es-in-einer-einzigen-doch-gibt-was-dazu-führt-dass-ich-völlig-überfordert-mit-der-Gesamtsituation-bin“ und (damit verbundene) unendliche Scham.

Es ist Sonntag und wir fahren auf eine Veranstaltung eines Tanzstudios. Etwa 20 Gruppen verschiedener Altersgruppen stellen dort einmal im Jahr ihre einstudierten Tänze vor, die sie von professionellen Tänzern gezeigt bekommen. Auch einigen Mädchen aus dem Heim wurde diese Ehre zum ersten Mal zuteil.

Ich bin sehr froh darüber, euch bereits einen Einblick in die kleine beschauliche Heim-Welt geboten zu haben, die nur aus Frauen besteht, da er die Voraussetzung dafür ist, zu verstehen, warum ich so schockiert war. Tradition und Kultur wird hier extrem groß geschrieben (Alma hat mir jetzt von einem unserer Mädchen erzählt, dass nicht von der Toilette kommen wollte, weil sie ihren Schal draußen vergessen hatte und noch ein männlicher Mitarbeiter von unserer Organisation im Gebäude war. Sie konnte unmöglich ohne diesen Schal, der ihren ohnehin vor Klamotten kaum sichtbaren Hals verdeckt, vor einen Mann treten.).

Wie geht man jetzt damit um, wenn man, vorfreudig auf den bevorstehenden  Tanzauftritt, aus dem Auto steigt, dass uns fast zwei Stunden nach Hyderabad gefahren hat, und das erste was man sieht sind 12jährige Mädchen in roten Glitzer-Hotpants?

Ich tue nichts, schweige erschrocken vor mich hin und lutsche ein Karamellbonbon.
Stumm gehen wir in das riesige, extrem prunkvolle Gebäude, das direkt neben einem „Kentucky Fried Chicken“ aus der indischen Erde hervorragt. An den Toren sind Wächter in Uniformen, der Rasen ist gleichmäßig geschnitten, die große Treppe glänzt in der Sonne. Doch all das ist nichts im Vergleich zu dem Anblick, den die Menschen dort abgeben. Sie sind genauso weiß wie ich, haben alle schicke, westliche Klamotten an, die Kinder halten sich schüchtern an den Händen eines Elternteils fest, tragen  mindestens jeweils ein Glitzer-Kleidungstück , sodass sie einer Disco-Kugel in nichts nachstehen. Sie essen Chips oder Schokolade von Marken, die ich alle kenne, trinken Cola, fotografieren sich gegenseitig mit dem Smartphone oder einer Kamera. Und zwischen all diesen Menschen sitzen wir, die Mädchen aus dem Heim und zwei völlig verwirrte Freiwillige. Wie immer hatten sich die Mädchen so schön gemacht, wie sie nur konnten, hatten aufwendige Frisuren, all ihren Schmuck und ihre schönsten, frisch gewaschenen Klamotten an – doch es scheint nicht zu reichen. Sie können nicht mit Hotpants und pinken Pailletten-Westen mithalten. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt.

 Sie tun mir so leid, sitzen da, der bunte Haufen wunderschöner Mädchen, der sich so schäbig fühlt zwischen all den kleinen verzogenen Bonzen-Kindern. Noch nie zuvor habe ich in Indien so wenig Aufmerksamkeit bekommen, wie an diesem Ort. Westliche Frauen scheinen keine große Besonderheit zu sein bei den Mitgliedern der oberen Kaste, die zu allem Überfluss teilweise besser Englisch sprechen als ich (ob das schwierig ist oder nicht lass ich jetzt mal so im Raum stehen).

Es gibt in diesem Moment nichts was ich tun kann und das Wissen darüber kränkt mich ungemein.

Mir wird klar, in welcher schönen, allerdings völlig utopischen Scheinwelt die Mädchen hier im Heim leben. Denn genauso wenig, wie es eine Welt ohne Männer gibt, sind alle „Indian boys dirty“.

Wenn sie ihre romantischen Filme gucken und anschließend ganz verträumt die ausgeschnittenen Bilder ihrer „heroes“ aus der Zeitung bestaunen, wenn sie meine leere Duschgelflasche aus dem Müll ziehen und diese aufbewahren wie einen Schatz, weil sie so schön riecht, wenn sie anfangen, wie blöd zu kichern, wenn ihr Lehrer vorbeikommt um sie Vokabeln abzufragen, wenn sie ganz stolz darauf sind, neuen Schmuck zu tragen, wie sie sich freuen, wenn es in der Schule ein gekochtes Ei zum Mittag gibt, wie sie schnell umschalten, wenn eine Liebesszene im Fernsehen zu sehen ist – sie sind einfach so unglaublich unschuldig. Die Welt, aus der auch ich komme, kennen sie nur aus dem Fernsehen. Sie ahnen nicht, und das hab ich zu meiner Schande übrigens noch viel weniger geahnt, dass die Welt hinter der Mattscheibe nur zwei Stunden von ihnen entfernt Realität wird.

 Es ist ein beklemmendes Gefühl. Und gleichzeitig spüre ich, wie sehr ich mich innerlich dagegen weigere, mich zu den reichen, weißen, West-Indern zu zählen. Stattdessen empfinde ich  so viel Loyalität und Verbundenheit mit den Heim-Mädchen wie nie zuvor.

Und dann denke ich an die Vorgeschichte einiger Mädchen, die in der Regel missbraucht wurden, oft sexuell.

Und im nächsten Moment, als wir unsere Sitze in der letzten Reihe der Halle mit riesiger, beleuchteter Bühne zugewiesen bekommen und der erste Tanz beginnt, sehen meine Augen, wie Mädchen ihren 12jährigen roten Glitzerpo am Schoß eines Gleichaltrigen reiben während im Hintergrund Pitbulls „I know you want me“ läuft. Hätte auch ich an diesem Tag einen Schal getragen, ich hätte ihn mir am liebsten über die Augen gezogen.
Die Stimmung wird immer schlechter, die Mädchen sagen, dass sie es hier nicht mögen, die Mienen verfinstern sich, ich denke zurück an die Hinfahrt auf der durchgängig gesungen und gelacht wurde. Ich habe Angst um sie, was völlig bescheuert klingen mag. Diese große beeindruckende Bühne, die Lichter, all die Fremden…

Je mehr Tänze wir sehen, desto mehr schämen sie sich, so habe ich den Eindruck. Dann werden sie von einer Tanzlehrerin abgeholt. Verdammt. Genau jetzt muss ich aufs Klo! Ach, das schaff ich noch, denke ich und düse los. Stolz darüber, wie schnell ich die Toiletten gefunden hatte, komme ich wieder aus der Tür heraus als ich plötzlich DAS Lied höre. Ich stürme in den unteren Abschnitt der Sitzplätze, wo die ganzen Eltern stehen, bahne mir achtlos einen Weg durch die Menschenmassen, drängle mich an der arroganten Elite Hyderabads vorbei bis ich sie endlich sehe. Da stehen sie, der bunte Haufen wunderschöner Mädchen. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich sehe sie tanzen und sehe, wie sie in ihren traditionellen Kleidern, ihren Flechtzöpfen und ihren Stickern auf der Stirn ganz ohne Arschgewackel dem gesamten Saal den symbolischen Mittelfinger zeigen. Auch wenn ich mir dem Verlust meiner Objektivität völlig bewusst bin: Sie sind die Besten!
Ich spüre, wie mir Tränen die Wangen runterlaufen und zum ersten Mal habe ich eine Vorstellung davon, wie es für eine Mutter sein muss, wenn sie ihr eigenes Kind in einem solchen Moment sieht. Ich bin so unendlich stolz auf sie! Unter dem lauten Applaus tippt mich ein junger Mann an und fragt ob alles ok ist.

„Yes, I´m fine! It´s just…they are MY girls!”

Uff, dieser Satz sitzt. Mitten in meinem Herzen. Und mal ehrlich: Da ist Patrick Swayzes „Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?!“ am Ende von Dirty Dancing ja wohl ein Scheißdreck gegen!
Als meine Mädchen dann zurück zu ihren Plätzen kommen, ist die Stimmung eine völlig andere und nicht mehr zu vergleichen mit der vorherigen: Sie strahlen, toben, tanzen, sind erleichtert, befreit und überglücklich! Es ist traumhaft!

Auf dem Rückweg dann schlafen alle Mädchen erschöpft und zufrieden ein (die können echt bei JEDER Bedingung schlafen!). Nur Durga, ein sechzehnjähriges Mädchen behält die Augen offen und blickt aus dem Fenster. Sie kommt aus Hyderabad und ihre Familie wohnt ganz in der Nähe des riesigen Gebäudes in dem wir waren, was mitten auf der westlichen Einkaufsmeile der Stadt steht. Sie sieht in die großen Läden von Levi´s, Pizza Hut und adidas hinein. Auch unzählige Juweliere haben dort ein großes Geschäft. Ich blicke mich um in der unterbewussten Gewissheit, dass ich in jeden dieser Läden reinspazieren kann, vorbei an der Security, mich ganz normal umsehen kann ohne dabei schief angesehen zu werden. Und das wohl allein deshalb, weil ich weiß bin. Durga hingegen wird wohl nie einen dieser Läden von innen sehen, die von außen mit langen Lichterketten verziert sind und so anziehend und verlockend sind. Wieder habe ich ein komisches Gefühl.  Doch wie fast jeder Mensch kann ich diese komischen Gedanken gut ignorieren, mein Gewissen abstellen.

Und so kam es, dass ich am nächsten Tag in eben dieser Einkaufsmeile in sämtliche Läden reinspaziert bin. Doch das ist eine andere Geschichte…

Samstag, 26. November 2011

Warum ich aus Solidarität gegenüber den Männern meine Lieblingsband nicht mehr hören kann


Ich lebe nun seit zweieinhalb Monaten nur unter Frauen und Mädchen, unter Feministinnen und Müttern, ständig umgeben von weiblichen Wesen (selbst unser Torwächter ist eine Frau)! Im Bus oder in der Rikscha sind die Bereiche für Männer und Frauen weitestgehend getrennt und Männer kommen hier quasi nie zu Besuch: Die Trinkwasser-Lieferanten bleiben entweder vor dem Tor stehen oder tragen die Kanister innerhalb von 2 Minuten auf direktem Weg in die Küche, mit dem „Brother“ (= ein junger Lehrer der Zehntklässlerinnen) kann ich mich auch nicht unterhalten, weil ich damit die volle Eifersucht von etwa 8 postpubertären Mädchen auf mich ziehen würde und dann fällt mir auch schon kein männliches Wesen mehr ein, mit dem ich mich unterhalten könnte (mimimimimi).

Kurzum: ich lebe in einer Welt, die ausschließlich aus X-Chromosomen besteht! Das einzige mickrige Y-Chromosom (das ja laut meines Wissens auch nur ein verstümmeltes X-Chromosom ist – oh Mann, was muss ich mich zusammenreißen, das nicht weiter zu kommentieren! ...) steuert Charly bei, ein junger, schwarzer, vor allem aber nicht sonderlich intelligenter (um nicht zu sagen gestörter) Hund, der eigentlich nur für kurze Zeit in Pflege bleiben sollte aber irgendwie nicht mehr abgeholt wird (vielleicht sollten wir ihn in die Ukraine verschicken).

Der Kontakt zu Männern beschränkt sich auf Glotzen und Gaffen, die Kommunikation auf Halbsätze wie „Oh, very nice!“ oder „Where you going?“ und natürlich auf das ständig zu hörende Geräusch der Handykameras (hier ein Beispiel eines typisch männlichen Verhaltensmusters: Der Mann gegenüber versucht so unauffällig wie nur irgendwie möglich ein Foto von Alma und mir zu schießen, was ihm am Ende sogar tatsächlich ohne unsere Kenntnisnahme gelungen wäre, hätte er nicht vergessen den Ton seines Handys auszuschalten. Als das überdimensional laute „KLICK!“ ertönte war natürlich klar, was sich in den letzten Minuten abgespielt hatte und der arme (meine Definition von weiblicher Ironie besteht darin, dass frau versucht, diese möglichst unauffällig einzusetzen, damit ein Großteil der Männer sie überliest) Mann schaute wie Carsten Spengemann, nachdem er den Diamantring (natürlich nicht!!) gestohlen hat (eigentlich wollte ich als Vergleich die lustigen „Bunga-Bunga-Partys“ mit der lieben Ruby heranziehen, aber da man nicht über Tote lästert, sollte man das auch nicht über pensionierte Politiker tun).)
(Für den Fall (und der trat vor einigen Tagen ein), dass sich doch mal Männer in unser trautes Mädchenheim verirren (es waren „visitors“ von einer großen Bank, die hier Spiele mit den Kindern durchführten (ich musste kurz überlegen, was sie eigentlich hier gemacht haben, weil mir zunächst nur eingefallen ist, dass sie ganz viele Kekse mitgebracht haben…) und dann Preise verteilten), stellt die schwierige Kommunikation mit den Mädchen keinerlei Hindernisse mehr dar. Die Mädchen ziehen ihre aller schönsten Kleider und Panjabis(?) an, die sie sonst nur an ihrem Geburtstag tragen, haben in der Regel aufwendige Frisuren inklusive Blumen im Haar, tragen allen Schmuck, den sie besitzen, stehen ewig vor den kleinen Spiegeln, schmieren sich Puder ins Gesicht, der gut riecht und die Haut heller wirken lässt (hier gilt schließlich: je heller die Haut, desto schöner der Mensch) und, was mir an diesem Kult am besten gefällt, alle Mädchen waschen sich die Haare! Wie kann man bei diesem Trubel nicht mitbekommen, dass Besuch ansteht? (typisches Beispiel einer rhetorischen Frage)). (Ohoh, hoffentlich hab ich in diesem Klammer-Chaos nicht den Durchblick verloren…naja, mach ich mal schnell nen neuen Absatz!)

Alma hat mir neulich erzählt, dass Frauen, wenn sie lange Zeit zusammenleben, irgendwann zur gleichen Zeit ihre Tage bekommen. Das erklärt einiges. Zum Beispiel, dass unsere Köchin, wenn sie die Tür zur Vorratskammer (die im Übrigen nach dem Motto des genialen Helge Schneider Liedes (ok, welches seiner Lieder ist das nicht?!) „Es gibt Reis!“ konstruiert wurde) aufschließt, immer gleich 6-10 rieeeeeesige Packungen (SB-Union-Größe) Damenbinden herausholt (Tampons sind hier eine Rarität!). Wenn ich zufällig sehe, wem sie die Packungen dann in die Hand drückt bekomme ich in der Regel ein schamvolles Lächeln zurück, was ich unter dem Aspekt, dass hier ausschließlich Frauen leben, genauso wenig nachvollziehen kann, wie so einige andere Tatsachen auch: Wieso zum Beispeil zuppeln die Mädchen an mir herum, wenn mein Oberteil einen zu weiten Ausschnitt hat, wenn meine Leggins nicht den Knöchel bedeckt oder wenn man die Träger des BHs sieht?! Hallo?? Wir sind doch unter uns, unter Frauen! Dann kann das doch unmöglich als aufreizend verstanden werden, schließlich würde ich so ja nicht in die Stadt gehen. „Indian culture“, bekomme ich regelmäßig als Antwort auf meinen genervten Blick, wenn wieder mal ein Fetzen Haut zu viel zu sehen ist. Abgesehen davon, dass dieses Argument der Wahrheit entspricht ist es auch wirklich clever, da total entwaffnend. Was will man da noch sagen? Also lasse ich es zu, wenn mir mit Sicherheitsnadeln der Ausschnitt bis unters Kinn (ok, das ist geringfügig übertrieben) zugesteckt wird.

Und gerade als ich dabei bin, zu denken, ich könnte denken, wie Inderinnen denken, stehen zwei von ihnen abends vor meiner Tür und wollen, dass ich sie aufkläre über den Gebrauch von Tampons. Ganz ungehemmt (nein, sie waren nicht betrunken) und ganz selbstverständlich. Ok, dachte ich mir, warum nicht, und tat, was von mir verlangt wurde (als sie von mir forderten, es ihnen vorzumachen, stieg ich allerdings aus!). Interessiert hörten die beiden zu und fanden den Gedanken daran, Tampons zu benutzen skurril und völlig absurd (der Grund: „Indian culture“).

Gelegentlich bekommt man auch die allgemein bekannte Stutenbissigkeit zu spüren, jedoch muss ich sagen, dass ich immer wieder verblüfft davon bin, wie fair hier geteilt wird. Nicht nur die Arbeit (z.B. Putzen oder Gartenarbeiten) sondern auch das Essen. So bekommt es unsere Köchin hin, drei Papayas gerecht auf 20 Mädchen aufzuteilen und ich habe noch nie gesehen, wie eine 2 Liter Flasche Pepsi so exakt auf 16 Personen aufgeteilt werden kann. Da war jeder Tropfen im richtigen Becher!!

Der wohl größte Streitpunkt besteht aus Lästereien über den jeweiligen „hero“ der Mädchen (jedes Mädchen hat hier einen bestimmten Schauspieler (zu 98%iger Wahrscheinlichkeit hat er einen großen, markanten Schnauzbart), der sich „hero“ nennt als Schwarm, sprich: das Mädchen hat sämtliche Bilder von diesem Kerl aus der Zeitung ausgeschnitten und an einem sicheren, oft geheimen Ort versteckt, sodass sie ihn jederzeit anhimmeln kann). Und das ist starker Tobak (??), wenn man sich über diesen gottgleichen „hero“ lustig macht (was manchmal nicht völlig zu vermeiden ist, zumindest von meiner Seite aus).

Ihr seht hoffentlich: Das Leben ohne Männer hat seine Tücken. Besonders für mich, als Westlerin, die an das Leben mit Frauen UND Männern gewohnt ist,  ist das oft nicht einfach mit so viel Östrogen klarzukommen (schließlich ist es schon eine Herausforderung mit meinem eigenen umzugehen!).

Es ist schon wirklich interessant, so abgeschirmt von Männern zu leben und hat auch viele Vorteile (z.B. kann man viel ungehemmter tanzen). Nur eines kann ich jetzt nicht mehr tun zumindest nicht in dem Ausmaß, wie ich es bislang tat: Eine meiner Lieblingsbands kann ich nicht mehr länger hören, beziehungsweise nur noch ganz dosiert.

Der Grund? (nein, diesmal ist es nicht „Indian culture“! Obwohl…)
Die Band heißt „the xx“. Und das sind mir einfach zu viele „X“ unter den nicht vorhandenen „Y“s!

(eigentlich sollte der Eintrag hier beendet sein, allerdings ist mir gerade noch was eingefallen: )



Der Kompromiss?
Für zwei Lieder der „Yeah Yeah Yeahs“ (immerhin drei „Y“s! Und die Band ist auch schnieke!) werd ich jetzt eins von „the xx“ hören, um mein Gewissen zu entlasten und mir das Gefühl zu geben, endlich wieder was für die Männerquote zu tun. Und für den Fall, dass gar nichts mehr hilft, schließe ich mich ein und höre 5 Stunden Metallica. Die haben zwar kein „Y“ im Namen, aber dafür jede Menge davon in ihrer Musik!

Sonntag, 20. November 2011

Here we go again: 3 minutes in the brain of Birte


(Mein Hirn ist gerade voll mit wichtigen Sachen, weil hier echt gerade alles drunter und drüber geht und ich nicht weiß, wo ich die nächsten Monate leben werde. Deshalb ist es naheliegend, einen völlig sinnlosen 3-Minuten-Eintrag zu verfassen.)

Wassermelonen.

Ich liebe Wassermelonen. Auf meiner „Was ich in diesem Leben unbedingt noch tun muss“-Liste steht als Punkt 41 „eine 8kg schwere Wassermelone essen“ – allein versteht sich. Soeben saß ich mal wieder auf dem Dach, habe „Florence + the machine“ gehört und meine Wassermelone (die im Übrigen etwa halb so viel kostet wie ein Apfel!) gegessen. Zunächst hab ich sie mit meinem genialen Taschenmesser (damit ihr es euch von der Größe besser vorstellen könnt, nenne ich es ab jetzt lieber Rucksackmesser) geteilt. Ihr kennt das, die Hälften sind nie gleichgroß. Und da ich so große Lust auf diese köstliche Melone hatte, war für mich klar, zunächst das kleinere und somit unattraktivere Stück zu essen, um mir den leckersten Teil  für den Schluss aufzubewahren. Das tat ich und  aß und aß und aß. Und diese Geschichte sollte anders ausgehen, als die der Raupe Nimmersatt, denn irgendwann, es war etwa nach der Hälfte, spürte ich ein Sättigungsgefühl. Dumme Situation, schließlich hatte ich das beste Stück noch vor mir. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, unmöglich! Natürlich aß ich auch noch die zweite Hälfte, doch es war schon fast ein Zwang, ein Kampf gegen den inneren Schweinehund und natürlich gegen die Ameisen, die mir schon viel zu viel geraubt haben, als dass ich ihnen auch noch meine geliebte Melone opfern würde!

Beim letzten Bissen kam dann endlich die Erkenntnis, dass ich von nun an damit aufhören werde, mir das Beste für den Schluss aufzuheben. Ist ja auch totaler Schwachsinn, weil man dann Gefahr läuft, eben dieses am Ende nicht mehr schätzen zu können, weil man übersättigt ist.

Und wenn ich nächstes Jahr wieder nach Deutschland komme und ich hab immer noch Lust, die Welt zu sehen, dann werde ich reisen, anstatt zu studieren. Denn dann schmeckt die Wassermelone einfach am besten!


Mittwoch, 16. November 2011

Papaya oder Pinguin?


Nachdem ich nun über zwei Monate in Indien lebe (ich hab lange überlegt, ob dieses Wort an der Stelle passt und die Antwort war nein, doch ich mir fiel auch nichts Treffenderes ein…), möchte ich einen kurzen Vergleich  zwischen Deutschland und Indien anstellen, indem ich auch auf meine persönliche Entwicklung eingehen werde (na wenn das kein 15-Punkte Übersichtssatz ist!).


Ziemlich am Anfang meines Auslands-Jahres fragte mich ein Mädchen, wie warm es gerade in Deutschland sei und ich antwortete, dass es dort im Vergleich zu Indien, sehr, sehr kalt sei (man munkelt, es sei sogar bereits (Zitat: ) „arschkalt“). Die logische Frage, die sich meiner Äußerung anschloss war die, ob es denn dann in Deutschland Pinguine gäbe, was ich lediglich mit einem Lachen beantworten konnte (vor allem unter dem Aspekt des Klimawandels). So erklärt sich schon mal die Überschrift, denn dass die Papayas für Indien stehen (ich setze mich jeden Morgen bei schöner Musik und Sonnenschein aufs Dach und esse eine melonengroße, kernlose, extrem leckere Papaya), lässt sich auch ohne große Erklärung herleiten (die ich ja somit dennoch gegeben habe).


Was ich gelernt habe (spätestens jetzt wäre dieser Text keine 15 Punkte mehr wert, weil ich in Stichpunkten fortfahren werde):


  • Ø  Waschen mit Kernseife auf einem Stein bei minimalem Wasserverbrauch (zumindest theoretisch)
  • Ø  Leben aus  einem Koffer
  • Ø  Haarewaschen im Eimer
  • Ø  Entlausen
  • Ø  Spontanes Redenhalten, Singen und Tanzen im nüchternen Zustand, bei Tageslicht und unter großer Beobachtung
  • Ø  Ein paar Worte Telugu
  • Ø  Als Blondine wird man ständig abgezockt
  • Ø  „scharf“ ist relativ
  • Ø  Kokosnüsse zu öffnen
  • Ø  Eine stark (und das ist mit deutschen Verhältnissen einfach nicht vergleichbar!) befahrene Straße ohne bleibende Schäden zu überqueren
  • Ø  Rupees in Euro umzurechnen (nach über 2 Monaten fiel uns nämlich ein ähm…kleiner Rechenfehler auf, der sich allerdings zu unseren Gunsten auswirkt)
  • Ø  Wenn ein Inder mit „Ja“ oder „Nein“ antwortet, bedeutet das meistens, dass er die Frage nicht verstanden hat
  • Ø  „Englische“ Gottesdienste sind trotzdem auf Telugu (abgesehen von der Bekanntgabe einer „marriage“, sprich:  In über einer Stunde des offiziell englischen Gottesdienstes kamen etwa drei englische Worte vor)
  • Ø  Von den indischen Fahrzeugen würde nur ein winziger, quasi nicht erwähnenswerter Bruchteil den deutschen TÜV bestehen
  • Ø  Wer hupt hat Recht
  • Ø  Sämtliche Klatschspiele (dank Laxmi!)
  • Ø  Beim der Yogaübung „Hund“ die Hacken vollständig auf den Boden zu bekommen
  • Ø  Mit der Hand zu essen (habe meiner Technik schon fast perfektioniert!)
  • Ø  Leben mit und von Krabbeltieren aller Art
  • Ø  Ein Affe im Zoo hat kein schönes Leben
  • Ø  Die Jungfrau Maria hat möglicherweise einen indischen Sari getragen
  • Ø  Je heller die Haut, desto schöner und angesehener ist der Mensch
  • Ø  Kranke Straßenhund-Welpen werden schon mal ermordet, indem man sie einfach gegen einen Stein schlägt
  • Ø  Ich habe einen Schweinemagen
  • Ø  Glück kann man sich erarbeiten
  • Ø  Selbst mit 20 kann man noch unreine Haut haben
  • Ø  Es ist gut, wenn man immer Traubenzucker dabei hat
  • Ø  Wenn ein indisches Mädchen zum ersten Mal ihre Tage hat, gibt’s ein riesen Familienfest mit ganz viel leckerem Essen
  • Ø  Es gibt fast nichts, was man nicht selbst machen kann
  • Ø  Weichspüler, Stoßdämpfer, Stühle, Schuhe, und Besteck sind überbewertet
  • Ø  Ich werde nie wieder ohne Zip-Bags, Desinfektionsspray und Panzerband verreisen
  • Ø  Die Welt ist ziemlich groß
  • Ø  Ein Leben ohne Männer ist manchmal komplizierter als mit
  • Ø  Ich habe für die nächsten 20 Jahre die Nase voll vom Dorfleben
  • Ø  Der Mensch ist ein absolutes Gewohnheitstier
  • Ø  Und natürlich: „Indian boys are ALL dirty!“



Was ich mir vorgenommen habe:

  • Ø  Ich werde ein Buch schreiben, bzw. habe schon damit begonnen (ich erwähne das nicht, weil es gut wird, sondern damit ich mehr unter Druck stehe, um es auch wirklich eines Tages fertig zu schreiben)
  • Ø  Ich möchte die nächsten Jahre an Weihnachten zu Hause sein
  • Ø  Ich werde nur etwas studieren, was mir wirklich Spaß bereitet
  • Ø  „Die Drei ??? und die Schattenmänner“ einmal bei Nacht komplett durchzuhören ohne vor Angst fast zu sterben
  • Ø  Ich will in meiner späteren Wohnung immer einen vollen Obstkorb haben
  • Ø  Ich werde vor meiner Rückreise meinen ganzen Koffer mit indischem Essen vollstopfen
  • Ø  Ich werde mir nun jedes Mal, wenn ich in Ghatkesar bin einen Fruit-Mix für 10 Rupees (ca 18 Cent) gönnen!
  • Ø  Ich werde diese Liste nun beenden, weil sie sonst nie endet (ich hab mir schon ne extra Liste angelegt mit dem Titel „Dinge, die ich in meinem Leben unbedingt noch tun muss“, die bereits 89 Punkte hat…) 



Woran ich weiterhin arbeiten werde:

  • ·         An meiner Ordnung
  • ·         An meiner Geduld
  • ·         An meinem Ekelempfinden
  • ·         An meiner Spinnen-Angst
  • ·         An meinen Gefühlsausbrüchen
  • ·         An meiner starken Unlust, Entscheidungen zu treffen
  • ·         An meiner nachtragenden Art
  • ·         An meiner Toleranz
  • ·         An meiner Zerstreutheit (ok, ich gebe es hiermit zu: manchmal(!) ist es mehr als eine 3…)
  • ·         An meiner generellen Belastbarkeit
  • ·         An meiner Impulsivität
  • ·         An meiner Rückenmuskulatur (sonst bringt mich die „Matratze“ noch um!)
  • ·         An meiner Freshness und Lässigkeit
  • ·         Und daran, irgendwann mal zum Punkt zu kommen – Punkt.



Oh Mann, ich könnte an diesen Listen wirklich endlos weiterschreiben, schließlich waren das die Dinge, die mir innerhalb einer halben Stunde eingefallen sind…
Angesichts der vielen Dinge, die ich hier gelernt habe und die mir in Deutschland wohl nicht widerfahren wären, tut Indien mir wirklich gut. Ich habe mich mittlerweile wirklich gut eingelebt und mich mit allem irgendwie arrangiert. Doch es gibt viele Dinge, an die ich mich zwar gewöhnt habe, die ich jedoch nie wirklich schätzen werde. So macht es mir nichts oder kaum etwas aus, wenn ich Haare und Insekten in meinem Essen finde, wenn in der Küche Ratten sind, wenn mir nachts die Ameisen übers Gesicht krabbeln, wenn mein ganzer Kopf voller Läuse ist, wenn das Bad nie wirklich sauber wird, wenn man vor jedem Klospülen erst 10 Liter Wasser in den Behälter füllen muss, wenn ich nicht ausschlafen kann, weil mein Rücken so wehtut, wenn im Bad circa 20 Spinnen leben, wenn man sich nach dem „Duschen“ sofort wieder dreckig fühlt. Damit komme ich klar, auch weiterhin. Doch ich werde den Wunsch nach einer richtigen Dusche, in der das Wasser und somit auch der Dreck von oben nach unter runterläuft ohne das ganze Bad zu überfluten genauso wenig loslassen können, wie den Traum vom krabbeltierfreien Schlaf. Ich denke, diese Erfahrungen tun mir gut, ich werde davon langfristig profitieren und sie sind es letztlich auch, die mich hierher kommen lassen haben (zumindest auch).


Es gibt unendlich viel, was ich an den Pinguinen schätze und vieles davon ist mir auch erst in den letzten beiden Monaten klargeworden. Doch im Moment ist hier Papayasaison, was mir die Entscheidung zwischen Pinguin und Papaya dann doch erleichtert ;)