Freitag, 14. Oktober 2011

Das Krümelmonster und der Monsterkrümel


„Lecker!“, denke ich, als ich endlich mal wieder die eigentlich nicht sonderlich gut schmeckende Schokocreme meiner Kekse, die ich mir kurz zuvor gekauft hatte, auf meiner Zunge zerlaufen lasse. „Zucker!“, „Endorphine!“, das ist alles was sich in meinem Hirn abspielt. Gut, ich gebe zu, das ist nicht sonderlich viel, aber schließlich war ich eine gefühlte Ewigkeit auf Entzug.

Umso mehr freu ich mich, als ich in die Kekspackung blicke und einen fingernagelgroßen, dunklen Krümel darin entdecke. Diesen unerwarteten Glücksmoment gilt es, zu genießen. Also stecke ich ihn mir schnell in den Mund, bevor die  kaltblütige Ameisenarmee über ihn herfallen kann. Meine noch immer mit Schokocreme behaftete Zunge umspielt gierig das Stück Gebäck und schiebt es dann zwischen die Kauleisten, um es für den Verzehr vorzubereiten. Ich beiße zu. Ein ungewöhnlich lautes  Knacken ist zu hören. Noch bevor ich die Bewegungen der kleinen Beine spüre, nehme ich einen extrem ekelhaften, bitteren, giftigen Geschmack wahr.
Der Käfer, der sich als Krümel getarnt in meinen Mund geschmuggelt hatte, ist nun in zwei gleich große Hälften geteilt und sein zähflüssiger Inhalt läuft auf meine Zunge. Zu allem Überfluss zappelt er auch noch! Ich spucke ihn hastig auf meine Hand und beschimpfe ihn. Ich laufe ins Bad und ertränke das Mistvieh im Duschwasser vom Vortag. Ich versuche mit aller Kraft, den Käferschleim auszuspucken, doch der Geschmack ist einfach zu intensiv. Ich greife zur Zahnbürste, drehe den Hahn auf: „Verdammt!! Kein Wasser.“

Wie die Geschichte ausging? Nunja, meine letzte Alternative bestand darin, die zweite Packung meiner Kekse schnell hinterher zu essen. Und so befinde ich mich wieder auf Entzug, also kann ich nicht dafür garantieren, beim nächsten Mal genauer hinzusehen… 

Sonntag, 9. Oktober 2011

“No, not äitsch sister! It´s ättsch!”


Ach Ashwini, du bist, abgesehen davon, dass du ständig abgelenkt bist, ein cleveres Mädchen. Aber glaub der alten Dame, wenn sie dir mit deinen unschuldigen sieben Jahren versucht zu erklären, dass das „H“ wie äitsch ausgesprochen wird!

“No, sister, not jäiet (=8), it´s ättsch!“




“Well, neither jäiet nor ättsch is correct. So, just listen to me for two seconds. It´s äiet, not jäiet. And it´s äitsch, not ättsch. And, by the way, it´s not fai (=5), it´s faiFFFF and it´s not lävän (=11), it´s EEElävän… Please, believe me!”

(Ihr kennt mich, da bin ich pingelig!)

“No, sister, no!!!”

Tja, leider wird man hier schnell überstimmt, schließlich haben sich hier alle diese Aussprache angewöhnt. Noch dazu hat Ashwini neben dem generellen Heimvorteil auch noch eine Zwillingsschwester, die ihr in schwierigen Situationen (und als solche kann man die beschriebene durchaus bewerten) zur Seite steht - komme was wolle.

Neben der bereits kurz geschilderten Kommunikation höre ich einen Satz quasi alle zwei Minuten, wenn nicht sogar noch häufiger: „Sister, me not coming!“ – Was so viel heißt wie: „Ich kann das nicht.“ Und dabei geht es lediglich darum, ein Wort, das ich bereits vorgeschrieben habe, einfach nochmal zu schreiben. Was soll man da sagen? „Arbeitsverweigerung, 0 Punkte.“ würde hier niemand verstehen. Dann fehlt der einen ein Stift, die andere findet ihre Arbeitsblätter nicht mehr und vier Mädchen teilen sich ein Radiergummi was eine jeweilige Radiergummi-Wartezeit von 20 Sekunden zur Folge hat.

(Ihr kennt mich, ich komm zurecht!)

Samstag, 8. Oktober 2011

Die Effekte des Beinerasierens auf die weibliche Psyche


Damit ihr nicht denkt, ich drehe so langsam völlig ab: Natürlich kann ich nicht für alle weiblichen Wesen dieses Planeten sprechen, sondern vordergründlich, ja, vielleicht sogar ausschließlich von meiner eigenen Psyche, sofern ich diese mittlerweile durchschaut habe…
Doch da mich das Beinerasieren nun schon zweimal vor einem Stimmungstief bewahrt hat, fühle ich mich diesem Kult gegenüber verpflichtet, ihn gebührend zu würdigen:

Es ist einfach dieses tolle Gefühl der Sauberkeit, der Jugend (hört, hört, noch keine 20 und schon solche Töne!), frau ist wieder begehrenswert (über Sinn und Unsinn müssen wir an dieser Stelle nicht sprechen, das weiß ich selbst!), rein und einfach glatt. Und das alles gegen ein bisschen Rasiergel und etwas körperliche Betätigung (in der indischen „Dusche“ ggf. auch etwas mehr…).



LUXUS! Dann noch ne Spülung in die Haare klatschen, (nein ich meine natürlich „eine Walnuss große Menge sanft in die Haarspitzen einmassieren“), ein wenig Augenbrauen zupfen, Nägel lackieren und Schminke auflegen und schon entpuppt sich (bup, bup, bup) das genervte, gestresste und grundsätzlich unzufriedene Wrack als eine entspannte, mit sich und der Welt im Einklang befindende Frau.

„IN YOUR FACE!“ sage ich da nur zu Bibi Blocksberg, Harry Potter und Co!
Nagut, die Packung Kekse und die Flasche Cola haben letztlich auch zum Stimmungshoch geführt, sonst hätte ich im letzten Satz sicher auch noch Jesus nennen können.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Film ab!


Eine hellgrüne, saftige Bergwiese in Niederbayern? Ein wunderschöner Tempel mit Lichtern und Girlanden? Oder vielleicht doch lieber verträumte Winterlandschaft? Tja, wie ihr merkt, ist die Frage nach dem richtigen Schauplatz für einen indischen Film, oder ein indisches Musikvideo keine einfache. Doch das gewichtigste Auswahlkriterium ist folgendes: Es muss möglichst unrealistisch sein, möglichst weit entfernt von der Alltagsrealität der Menschen hier. Das kann dann darin enden, dass ein wunderschöner Inder, der folglich fast weiße Haut hat, auf einem schwarzen, anmutigen Wallach der Dame seines Herzens, die von der Liebe enttäuscht traurig im niegel nagel neuen Bus sitzt, der auf einer einwandfrei geteerten Straße fährt, indem nur sauber und ordentlich gekleidete Menschen sitzen (natürlich hat jeder einen Sitzplatz), hinterher reitet um ihr seine unendliche Liebe zu beweisen. Alternativ können aber auch zwei frisch Verliebte elegant durch die Alpen tanzen und die Frau rennt lachend mit nur einer Hotpants und einem kurzen, bauchfreien Top bekleidet durch den knietiefen Schnee und lässt sich den Wind durch die Haare wehen. Obwohl, wieso eigentlich alternativ? Das kann man doch super miteinander verbinden!

Weitere wichtige Elemente, neben dem richtigen Schauplatz und dem Tanzen sind auf jeden Fall pure Emotionen im Sinne von unerbittlichem Weinen und natürlich allem was dazu gehört (also vom minutenlangen Schluchzen bis hin zum Zusammenbruch oder gar einer Ohnmacht). So dürfen nie mehr als zwei Minuten verstreichen, ohne dass jemand (in 90% der Fälle sind es Frauen oder Kinder) herzzerreißend bitterlich geweint hat. Achja, selbstverständlich dürfen wir nicht die ständig vorhandene Schleichwerbung vergessen, wobei die Frage bleibt, inwiefern man von „Schleich“werbung sprechen kann, wenn die Protagonisten drei Minuten lang vor einem riesigen Coca-Cola-Banner auf und ab hüpfen…

Doch nicht nur die Emotionen, die Schauplätze und die Situationen sind äußerst realistisch dargestellt, sondern es fällt auch auf, dass in den indischen Filmen ein ganz bestimmtes Frauenbild und Männerbild verkörpert wird, mit dem ich auch hier ständig konfrontiert werde (Achtung: Ironie!):
Die Frau ist natürlich bildhübsch, hat große Rehaugen, langes, geschmeidiges Haar, dass sicher noch nie eine Laus gesehen hat, helle Haut und große Brüste. Abgesehen von ihrem ansprechenden Äußeren ist sie aber extrem naiv und sich folglich ihrer attraktiven Erscheinung keineswegs bewusst. So ist das aufreizende Wackeln ihres Gesäßes natürlich vollkommen unbeabsichtigt und dass ihre kurzen, engen Klamotten die Blicke der Männer auf sie ziehen, kommt ihr, wie sollte es anders sein, überhaupt nicht in den Sinn. Sie glaubt an die eine große, die wahrhaftige und aufrichtige Liebe (na klar, wer nicht??) und die widerfährt ihr auch innerhalb der ersten 45 Sekunden. Eine andere beliebte Version der Liebesgeschichte könnte so aussehen, dass das Traumpaar zunächst noch verfeindet ist, sich aber durch die Verkettung von enorm realistischen Zufällen ineinander verliebt.

Der Mann ist zu Beginn noch der coole Macho der aber schließlich seinen weichen Kern nach außen kehrt, als er die Frau seines Lebens trifft. So verändert sich seine Rolle in den Schoßhund, der seiner Angebeteten Blumen schenkt, sein Herz ausschüttet und unerbittlich um sie kämpft – schließlich müssen die nun noch einige Hindernisse (in der Regel kommt an dieser Stelle der strenge Vater der ach so unschuldigen Traumfrau ins Spiel) bewältigen.

Und wie in jedem erfolgreichen Film bedarf es einer ordentlichen Portion Drama. Das Paradebeispiel habe ich bereits selbst sehen dürfen: ER wird vom Vater seiner Geliebten dazu gezwungen, sich zwischen IHR und seiner größten Leidenschaft, der Musik, zu entscheiden. ER entscheidet sich zunächst für letzteres und muss SIE nun gegen seinen Willen abservieren. Also zerreißt er den voll süßen Brief auf dem in großen Buchstaben „I LOVE U“ steht vor ihren Augen, was natürlich beide total fertig macht. Da ruft SIE erst mal ihre Mutter an (wäre natürlich auch meine erste Wahl…), legt sich dann ins Bett und kuschelt mit ihrem Teddy. Doch natürlich bricht es auch ihm das Herz und so merkt ER schnell, dass er mit der Musik allein nicht glücklich wird. Naja, der Rest der Geschichte liegt ja auf der Hand. Obwohl es niemand für möglich gehalten hätte: SIE kriegen sich! Na dann können wir ja alle beruhigt schlafen.

Am Ende dieses Textes bin ich selbst überrascht, wie viel ich doch verstehe von Filmen, die in einer mir völlig fremden Sprache sind. Es kann nur am unbeschreiblichen Talent der Schauspieler liegen…!

Doch bei allem Spaß, den ich vor dem Fernseher empfinde, dürfen wir nicht vergessen: Die wahren Dramen spielen nicht im Rampenlicht.

Freitag, 30. September 2011

Überschriften, die es diesen Monat nicht in die Band geschafft haben 1.0


Jaja, wie das immer so ist, hat man Phasen, in denen das Hirn vor Kreativität fast übersprudelt und dann herrscht wieder ewige, endlose Leere. Hier nun einige der Überschriften, denen aus unterschiedlichen Gründen nicht die Ehre zuteil wurde, einen eigenen Blogeintrag zu schmücken, die aber dennoch einen zusätzlichen Eindruck von meinen Erlebnissen bieten:
 „Wie ich beim Ausdruck meiner vorerst letzten Kontoauszüge fast einen emotionalen Zusammenbruch erlitt“, „Birte Curry-King“, „Der Moment, als ich einshampooniert unter der Dusche stand und der Wasserhahn für den Rest des Tages streikte“, „My body is a battlefield“, „Läusemädchen“, „Für 10 Cent 10 Minuten Taxifahren“, „Zum letzten Mal abspacken unter der Dusche“,  „Die Affen sind los“,  „Am 10.Jahrestag von 9/11 über den Irak fliegen“, „PFUI!“, „Als meine Heimwehversüßer den Ameisen zum Opfer fielen“, „Der Tag, an dem wir endlich legal wurden“, „Der Nackte aus Karkesa“ und schließlich: „Wie ich mir mit 19 Menschen ein Mini-Taxi teilte“

Mittwoch, 28. September 2011

Honeymoon ist over, darling!


Teil 1: „Privacy? What the hell is privacy?!“

Tag 15: Tiefpunkt. Der einzige Grund, warum ich nicht mehr weine ist der, dass weinen meinen Zustand nur noch verschlechtern würde. Das habe ich vor etwa einer Stunde feststellen müssen… Am liebsten würde ich mich irgendwo ausheulen, aber die Gewissheit, dass mich das letztlich nicht weiterbringen würde und das Wissen, dass ich mir nur selbst helfen kann, lassen mich weder das Handy, noch den Laptop in die Hand nehmen. Stattdessen schreibe ich mit Bleistift in mein Lederbuch, für den Fall, dass ich, sobald ich dieses Tief überwunden habe, diese Worte ebenso von diesem Blatt radieren kann, wie ich auch diesen Tag hoffentlich irgendwann aus meinen Erinnerungen streichen kann.
Es sollte ein Ausflug sein. Schließlich sind Ferien und die meisten Mädchen aus dem Heim bei ihren Familie. Wir sollten heute für eine Stunde Tanzunterricht bekommen und bislang ist dies das einzige Vorhaben, das in die Tat umgesetzt wurde. Um sieben Uhr morgens sollte uns (20 Kinder, Alma und mich) ein Auto abholen. Fünf Minuten vor der geplanten Abreise fanden wir dann durch einen Zufall heraus, dass dieser Ausflug acht Tage dauern sollte. Also stürmten wir in unser Zimmer und packten schnell einige Klamotten zusammen. Zum ersten Mal war ich froh darüber, dass sich hier prinzipiell alles verzögert… Gegen kurz vor acht ging es dann also los: 22 Menschen mit Gepäck plus Fahrer in einem (!) Geländewagen. Nachdem sich zwei Kinder während der Fahrt übergeben haben, kamen wir in einem weiteren Kinderheim, in der Nähe von Tarnaka, an, wo uns bereits etliche Kinder gespannt erwarteten. Es ist ein hässliches Heim. Das (Gemeinschafts-)Bad ist dreckig, der Boden überflutet. Es gibt hier keine Betten, wohl deshalb, weil die Räume tagsüber als Klassenzimmer fungieren. Nach einer Stunde tanzen und einem Vortrag unserer Chefin auf Telugu wurden Alma und ich mit den 95 Kindern, einer Köchin, die kein Englisch kann, und dem Ratschlag, wir sollten ihnen doch ein paar Lieder und Spiele und am besten auch noch Englisch beibringen, alleine gelassen. Es gibt drei Zimmer: In einem steht der Fernseher, im anderen wird getanzt und im dritten schlafen wir. Alle zusammen. Auf dem Boden. Und dabei wollten wir uns heute, nach 14 Tagen ununterbrochen von einer Horde Kindern begleitet und das 24 Stunden täglich, unseren ersten freien Tag nehmen.
Ich bin ein nervliches Wrack! Und ich will endlich mal für mich alleine sein, Stille genießen.
Doch manchmal muss man sich mit bestimmten Situationen und Gegebenheiten abfinden, sonst geht man früher oder später an dem Versuch, das Unmögliche möglich zu machen, zugrunde. Und noch sind mein Wille, mein Eifer, aber vor allem meine Überzeugung, das Richtige zu tun, zu groß, um mich unterkriegen zu lassen. Ja, ich habe geweint, als ich feststellte, dass ich an meine Grenzen stoße und das früher als gedacht. Ja, natürlich hat mir die Ausrede, meine Augen seien lediglich überempfindlich was den Deckenventilator betrifft, irgendwann niemand mehr abgenommen. Aber was hätte ich tun sollen?? 95 Kinder und 3 Räume, da ist man nie alleine und selbst die Toilette kann man nicht abschließen… Selbst wenn ich hier auf dem Steinfußboden liege und diese Worte schreibe, blicken mir stets drei Kinder über die Schulter.
Ich muss lernen, meine Tränen zu unterdrücken, daran führt hier kein Weg vorbei. Denn spätestens mit den ersten Tränen stand ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und genau dort, wo ich als letztes sein wollte: Im Rampenlicht.
Sie verstehen es nicht, es ist fernab ihrer Vorstellungskraft, wenn man sagt, dass man mal kurz für sich allein sein will. Das frustriert. Ich laufe und laufe in der Annahme, bald den Horizont erreicht zu haben, doch dann stellt sich heraus, dass ich nur ein Hamster im Rad bin.
Ich habe geflucht, ich habe beleidigt, ich habe den Kindern böse Schimpfwörter an den Kopf geworfen – natürlich alles auf Deutsch. Doch es ist vergeblich. Je mehr ich versuche, die ständigen „SISTER!SISTER!“-Rufe zu ignorieren, desto lauter werden sie…

Also gebe ich vor, dass alles in Ordnung sei und lasse zum Beweis ein Foto von mir schießen auf dem ich breit grinse.


Teil 2: „Blutverschmierte Füße“

Selbstmitleid ist grauenvoll. Dennoch haftet es an mir wie ein gutes Hansaplast. Und da ich ein Schisser bin und überaus schmerzempfindlich, traue ich mich nicht, es mit einem Ruck abzuziehen. Mein verwöhnter deutsche Hintern ist es nicht gewohnt, den ganzen Tag auf dem Steinfußboden zu sitzen, genauso wie auch der Rest meines Körpers an mein weiches, gefedertes Bett gewohnt, nicht ohne diverse Gliederschmerzen auf eben diesem Fußboden schlafen kann. Außerdem war der Deckenventilator zu laut und zu stark (wo bleibt der Stromausfall wenn man ihn mal braucht?!), sodass meine Klamotten nach kurzer Zeit von nassem Schweiß durchtränkt waren. Und plötzlich hatte ich unheimliche Bauchschmerzen und mir war schlecht (wahrscheinlich, so denke ich im Nachhinein, war das wohl nur Placebo). Deshalb bin ich aufgestanden. Und auch um (und jetzt kommt es noch schlimmer!) mich auszuheulen.
Das Resultat? Ich habe mich getäuscht, es hilft doch. Es tut gut. Es kommt auf die Dosierung an. Und so saß ich da. Alleine (endlich!) auf der Treppe im Dunkeln vor meinem Laptop. Das heißt: Wirklich alleine war ich in keinster Weise. Denn ich war umringt von nicht weniger als 150 Mücken, schließlich war bei mir die einzige Lichtquelle weit und breit. Ich hab meine Mordlust ausleben können und keine Gnade walten lassen, was mich irgendwo befriedigte. Das Spektakel endete mit einem leeren Laptop-Akku und meinen blutverschmierten Füßen, die ich noch stolz als Trophäe ins Bad führte, bevor ich sie reinigte und dann einschlief.


Teil 3: Kapitulation

Ich wusste natürlich vorher, dass ich früher oder später an meine Grenzen stoßen werde. Allerdings bin ich immer davon ausgegangen, dass dies eher später als früher eintreten wird. Tja, Pustekuchen. Es ist deprimierend und befreiend zu gleich. Jetzt sitze ich in meinem Heim, in meinem Zimmer in meinem Bett. Und zwar alleine, denn Alma hat sich entschlossen, die Woche über bei den anderen Kindern zu bleiben, was meinen größten Respekt verdient. Ich muss meine Aussage vom Anfang widerrufen: Man geht nicht an den Dingen zugrunde, die man nicht ändern kann, sondern daran, veränderbare Umstände dennoch zu akzeptieren, auch wenn sie einen unglücklich machen. Ich bin hier um zu wachsen und nicht um zu zeigen, wie groß ich bereits bin.

Freitag, 23. September 2011

Wie Hannah Montana die Welt erobert


Gestern ging es mal wieder in die Stadt. Also hab ich meine Haare zusammengebunden, meine Tasche gepackt mit Sonnenbrille, Geld und Kamera, meinen 3,95-Euro-teuren-Bijou-Brigitte-Fake-Ehering angezogen und den Ausschnitt meines Kleides mit einer Sicherheitsnadel an die indischen Verhältnisse angepasst (achja, eingecremt hab ich mich selbstverständlich auch!). Alles in allem also perfekt präpariert.
Indien erscheint mir wie eine Parallelwelt. Wenn mich jemand fragt, was der Unterschied zwischen Deutschland und Indien ist, so muss ich lachen und  darum bitten, mich nach den Gemeinsamkeiten zu fragen, damit ich mit einem einzigen Satz antworten kann. Aber dennoch ist es „nur“ eine Parallelwelt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn Parallelen gibt es durchaus, auch abgesehen von denen, die wohl jedes Volk der Welt auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner miteinander vereinen. Indien ist, sofern ich das beurteilen kann, ziemlich verwestlicht, was allerdings hauptsächlich in den Städten zu sehen ist. Gleichzeitig herrschen aber in bestimmten Belangen (wie zum Beispiel der unterschiedlichen Rollen von Mann und Frau) –aus meiner Sicht- mittelalterliche Vorstellungen. Ich bin sehr gespannt wie sich Indien (und dieses Phänomen trifft bestimmt auf sehr viele andere Nationen ebenfalls zu!) unter dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Globalisierung entwickeln wird.
Tradition ist, wenn die Busse in Bereiche für Männer und Frauen eingeteilt ist, wenn sich die Mädchen eine Blätterpampe auf die Hände klatschen, damit sie orange werden (gestern Abend war dann auch ich an der Reihe…), wenn man beim Essen ausschließlich die rechte Hand benutzt, beim Trinken das Glas nicht mit dem Mund berührt und wenn die Kühe auf den Straßen laufen.
Globalisierung ist, wenn Hannah Montana selbst hier im fernen Indien die Weltmacht allmählich an sich reißt, indem sie auf sämtlichen Schulränzen abgebildet ist,  wenn Coca-Cola in fremden Namen Wasser verkauft, wenn in jeder größeren Stadt ein Subway zu finden ist und wenn jeder fünfte Inder zwischen 20 und 30 mit einem „Playboy“ T-Shirt rumläuft.