Samstag, 5. Mai 2012

Wie mir Gruppenzwang zum Glück verhalf


„Priya, Priya, Priya….!!!“

Hände klatschen, die Kirche tobt. Ich gehe schüchtern nach vorne. Jeder Schritt wird von etwa 150 Menschen bejubelt. Für den Bruchteil einer Sekunde schließe ich die Augen und atme tief ein und aus – mehr Zeit bleibt nicht. Ich versuche abzuschalten, mich auf meinen Atem zu konzentrieren, doch mein lauter, viel zu schneller Herzschlag verhindert jedes „zur Ruhe kommen“.
Ich will das nicht. Echt jetzt.
Langsamer zu gehen würde bedeuten, stehen zu bleiben. Und so lässt es sich nicht vermeiden, dass der Weg irgendwann zu Ende ist. Jetzt stehe ich vorne. Ein kurzes, pseudofreundliches Zunicken, dann drehe ich mich langsam um und blicke in die erwartungsvollen Gesichter. Ich greife nach vorne und umfasse mit beiden Händen das Mikrofon, dass ich nun immer näher vor meinen Mund führe.
Ich atme ein, dann öffnen sich meine Lippen.

Stopp! Zurückspulen! Am Abend vorher:

Navaneetha kommt aufgeregt zu mir gerannt: „Sister, sister, tomorrow marriage, you coming?“
Und wie ich komme! Darauf hab ich schließlich schon ewig gewartet: endlich eine indische Hochzeit erleben! Der Onkel eines Mädchens aus dem Heim heiratet und läd das gesamte Mädchenheim ein (nur, um sich mal der Dimensionen einer indischen Hochzeit bewusst zu werden…)

Und so kommt es, dass ich heute Morgen, gemeinsam mit 14 Mädchen aus dem Heim eine knallepinke Kirche betrete, aus der laue Gitarrenklänge kommen. Wir ziehen die Schuhe aus und gehen rein. Wie automatisch richtet sich mein erster Blick darauf, auf welcher Seite die Frauen sitzen, schließlich ist hier alles nach Geschlechtern getrennt. Dann erst schaue ich mich um: Die ganze Kirche glitzert und funkelt. Vorne steht eine Bühne mit zwei Thronen in königlichem Rot und mit etlichen Glitzersteinen verziert, auf denen später das Brautpaar sitzen sollte.

In der rechten vorderen Ecke spielt eine..äh…Musikgruppe (Wenn ich von Band sprechen würde, wäre das für alle echten eine grobe Beleidigung…!)
Man stelle sich vor: Kirchenmusik im Stile der 90er Jahre Elektroszene, ein 16 jähriger Junge der noch mitten im Stimmbruch zu stecken scheint, ein narzisstischer Gitarrist, der offensichtlich einen internen Lautstärke-Wettkampf mit dem Schlagzeuger ausfechtet und das alles verstärkt von acht riiiieeesigen Boxen, sodass man nicht nur sein eigenes Wort nicht mehr hören kann, sondern auch jede Gedanken bei der Lautstärke kläglich verstummen. Das ist definitiv Körperverletzung! Ich habe Kopfweh und bin genervt von den Basstönen, die meinen gesamten Körper zum Vibrieren bringen. Das ganze Gedudel muss ich exakt 53 Minuten ertragen. Als der erste Funke Hoffnung auf Erlösung aufkeimt, passiert etwas Furchtbares: 4 Frauen, die locker das Format der Weathergirls haben, quetschen sich vor den Mikrofonständer. Würde man an schlechtem Gesang sterben, ich könnte diesen Blogeintrag nicht mehr verfassen.
Sie singen mal locker zwei Oktaven höher, als es ihre Stimme zulässt und schreien dabei was das Zeug hält, aus Angst nicht gehört zu werden. Eine Mischung aus den Schlümpfen, Modern Talking und DJ Bobo - Ich bin kurz davor, die Kirche zu verlassen.

Plötzlich springen alle auf: Der Bräutigam betritt die Kirche, schlendert nach vorne und setzt sich auf seinen Thron. Wenig später folg seine Zukünftige. Täusche ich mich, oder hat der Bräutigam diesen gewissen Blick, dieses zuversichtliche Hochziehen einer seitlichen Mundpartie a la „Heute Abend kann ich die Alte endlich flachlegen!“?

Der Gottesdienst beginnt – es handelt sich um eine christliche Hochzeit, es handelt sich um eine arrangierte Hochzeit. Während ein Mann im goldenen Glitzeranzug vorne an der Kanzel rumhampelt wie Christian Rach, wenn ihm das Schnitzel nicht schmeckt und zwischenzeitlich Ausraster hat wie Jürgen Klinsmann im Endspiel gegen Italien, blicke ich mich im Publikum um. Es werden Chips gegessen, SMS geschrieben und lauthals geredet. Der Brautvater, der sich besonders schick gemacht hat (passend zu seinem weißen Anzug trägt er eine gleichfarbige Mütze mit der großen Inschrift „Tic Tac“), stolziert durchgängig auf und ab und versorgt den ganzen Raum mit Wasser.
Der Gottesdienst dauert ewig. Kurz vor dem Einschlafen schrecke ich auf: Die Dame neben mir stellt sich hin und geht sicheren Schrittes nach vorne. Sie positioniert sich vor dem Mikrofon und hält eine Rede, die ich natürlich aufgrund meiner geringen Telugu-Kenntnisse nicht verstehe. Weitere Reden von Gästen werden gehalten. Ich bin gelangweilt.

 Der Brautvater kommt auf mich zu.

„Do you want to say something?”, fragt er und deutet dabei auf das Mikrofon.

„Me? Oh no, thank you, I cannot talk Telugu, so I guess most of the people won’t understand…”, entgegne ich. Dann höre ich eine mir bekannte Stimme, die für sofortige Atemnot und schwitzende Hände bei mir sorgt.

„But Priya sister can sing a song!”, schlägt eines der Mädchen aus dem Heim vor.

 Während auf diesen Vorschlag hin die ersten anfangen, begeistert in die Hände zu klatschen, überlege ich ernsthaft ob ich dem Mädchen eine klatschen soll…!

„No, no!! Please, I really don’t want to sing!“

Tja, und jetzt sind wir wieder am Anfang der Geschichte.

Nun stehe ich also da, wie ein Häufchen Elend. Für die ersten Töne schließe ich meine Augen. Als ich diese wieder öffne, bin ich selbstbewusst und genieße gewissermaßen den Augenblick.

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten…….“, singe ich laut, klar und deutlich vor den 150 Hochzeitsgästen.

„Frei ist, wer in Ketten tanzen kann“, hat mir meine Strahli in mein Abschieds-Buch geschrieben. Ich hab keine Ahnung, ob der Satz zur Situation passt, aber aus irgendwelchen Gründen kommt er mir in den Sinn. 

Als ich die letzte Zeile gesungen habe herrscht für den Bruchteil einer Sekunde absolute Stille. Dieser Moment ist der schönste seit langer Zeit. Die Vorfreude auf den Applaus, die Anerkennung und vor allem der Stolz auf mich selbst lassen diese paar Millisekunden unvergesslich machen.
Ich gehe zurück auf meinen Platz, bin wie befreit, gelöst und einfach glücklich.

Der Rest des Gottesdienstes verstreicht, ohne dass ich ihn so wirklich wahrnehme. Dann gibt’s endlich Essen. Natürlich speisen Männer und Frauen und getrennten Räumen (die Damen müssen natürlich in den Keller!). Es gibt Schafs-Curry mit Reis – für den Großteil der Gäste das absolute Highlight, ich hingegen freue mich über die Kartoffeln in der Chilisoße.  Nachtisch gibt’s auch: Herrlich, endlich wieder Zucker (schließlich lebe ich jetzt seit 26 Tagen schnuckifrei!)!!!

Dann geht’s auch wieder heim, mit vollem Magen, jeder Menge Endorphine und der Frage, warum Gruppenzwang ein so negativ besetztes Wort ist…?

Montag, 30. April 2012

Verfolgungsjagd


Mit vollen Einkaufstüten, frisch gefülltem Pizza-Magen, sieben Paar neuen Ohrringen  und leichtem Sonnenbrand steige ich erschöpft in die Riksha. Ein kurzer Blick auf die Uhr – Mist, schon nach vier! „Nach Tarnaka, zur Bushaltestelle bitte!“, sage ich dem Fahrer. Gedankenversunken schaue ich aus dem Fahrzeug und denke daran, wie geflasht ich von diesem Anblick war, als ich einst – vor nun fast 8 Monaten! – nach Indien kam. Autos, Busse, Rikshas und Fahrräder rauschen an mir vorbei. Ein kurzer obligatorischer Blick auf den Bus, der mich gerade überholt: „242B“ steht auf dem oben befestigten Schild. Wie so oft betrachte ich die Preistafel an der Tankstelle: Wieder gestiegen! Ich schaue Menschen hinterher und sehe gierig auf die riesigen Obstberge am Straßenrand. 

Plötzlich klingelts. Laut. Nervig. Unaufhörlich. Das war doch gerade MEIN Bus! Der direkte Bus nach Bogaram!! Das ist quasi ein Sechser im Lotto!!!
„Fast, fast, I have to catch this bus!“, brülle ich den Rikshafahrer an.
Eben jener Bus ist bereits an der Kreuzung vor uns abgebogen. „Turn, turn!!!“, „Sorry Madame, English no!“, bekomme ich als Antwort. Na klasse! Der Ton macht die Musik und wenn er mich eh nicht versteht, kann ich es im auch auf Deutsch erklären, denke ich mir und lege los: “Guter Mann, ich muss diesen beschissenen Bus da vorne kriegen, sonst muss ich mal locker noch 2 Stunden warten, also hol jetzt alles aus der Kiste raus, was geht!” – Fragendes Kopfschütteln. Ein Blick nach vorne: Lediglich die dicke dunkle Rauchwolke des Busses ist noch zu sehen.

Jetzt reichts.

Ich beuge mich nach vorne und lege meine Hand auf den Lenker. Mit allem Schwung drehe ich ihn zum Anschlag nach unten und die Riksha beginnt zu schnurren. Der Schweiß steht mir auf der Stirn, mein Fahrer weiß nicht wie ihm geschieht, doch wir machen Meter um Meter gut. Längst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer angelangt, versteht der Rikshawalla nun endlich, was ich vorhabe. Er gibt mir ein Zeichen, sodass ich mich wieder hinsetze und eilig meine Taschen zusammankrame und Geld raussuche. Wir sind jetzt auf einer Höhe mit dem Bus. Ich halte meinen Kopf aus der Riksha und brülle was das Zeug hält, während ich mit den Händen wie wild umherfuchtel, sodass mir beinahe die Taschen abhandenkommen. Die Menschen im Bus nehmen mich als erstes wahr. Fragender Blick, Entsetzen, dann ein schüchternes Lächeln und schließlich gehässiges Lachen – so ist die allgemeine Reaktion auf mein Erscheinungsbild. Eine gefühlte Ewigkeit, die ich mit rumhampeln, zappeln und brüllen fülle, dann bemerkt mich endlich der Fahrer des Busses. Auch er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Ja, lacht doch ruhig ihr blöden Säcke!!!“, rufe ich. Schließlich hat er Erbarmen und bremst den Bus ein wenig ab. Ich wittere meine letzte Chance. Innerhalb von drei Sekunden drücke ich dem Fahrer das Geld in die Hand und springe aus der Riksha – AUA! Nun sitze ich da, auf meinem Hintern, mitten auf der Straße. Meine Tüte mit dem Monopoly ist aufgeplatzt und mein Fuß verknaxt. Der Bus fährt weiter. Ich glaub ich spinne! Ich nehme den ganzen Kram unter den Arm und flitze los, hinter dem Bus her. In Gedanken verfasse ich die schlimmsten Wutreden meines Lebens. Am liebsten würde ich heulen oder schreien oder beides – doch dafür bleibt jetzt keine Zeit!

 Vielleicht ist es eine göttliche Eingebung, Mitleid oder einfach nur Zufall. Jedenfalls  kommt der Bus nach etwa einer Minute „Flitzen am Limit“ zum Stillstand. Ich steige ein und setze mich auf den Behindertenplatz. Zumindest für die nächsten fünf Minuten, so finde ich, habe ich darauf vollen Anspruch!

Freitag, 20. April 2012

Selbstmitleid Ade!


Ich bin Skorpion (in Fachkreisen besser bekannt als „Skoppsssssion“), ich bin analytisch, ich bin kopfgesteuert. Folglich bleibe ich nie lange in einem Tief. Deshalb habe ich heute, genauer gesagt vor dreieinhalb Minuten, beschlossen, wieder glücklich zu sein. Jede Veränderung beginnt im Kopf.

Also sehe ich die Dinge jetzt positiv: Ich kann beim Duschen die Badezimmertür offenstehen lassen, meine allabendlichen Drei???-Folgen so laut hören wie ich mag und mich unendlich dabei amüsieren, mit den Mädels Fußball zu spielen (es ist, als würde man Rollstuhlfahrern das Laufen beibringen!). Die Situation ist nach wie vor nicht einfach, doch das Grundproblem kann ich nicht lösen, deshalb muss ich den mir zur Verfügung stehenden Handlungsrahmen zu meinen Gunsten ausnutzen. Ich werde mir feste Alltagsstrukturen schaffen und mich mehr einbringen - heute habe ich damit begonnen.

Aller Anfang ist schwer. Also muss ich mir anhören, dass meine Chapattis (so ne Art Crepe) wie Kuhfladen aussehen, dass ich niemals einen indischen Mann heiraten könnte, weil ich viel zu schlecht und zu langsam wasche und zu allem Überfluss wird mir anschließend ein 5 Monate altes Kind auf den Arm gedrückt, das prompt anfängt zu heulen und mich dann, nachdem es sich beruhigt hat, von oben bis unten vollkotzt – naja, so kann ich die Gelegenheit nutzen, meine Waschfähigkeiten zu verbessern…

Wie gesagt, ab jetzt sehe ich die Dinge positiv ;)

Freitag, 13. April 2012

Doch die Wahrheit ist...


Die Turbinen starten, es drückt mich tief in den Sitz hinein, das Flugzeug hebt ab und es zerreißt mir das Herz. Alle Plätze sind belegt. Alle? Nein, der Platz zu meiner linken Seite ist noch frei und er wartet darauf, besetzt zu werden. Auch ich warte darauf, dass du dich hinsetzt aber du stehst in der Abflughalle und siehst meinem Flieger  nach wie er mitten ins Gewitter steuert. Sturm, Regen, Blitze und Donner – Sie gaben uns während der gesamten Reise stets das Zeichen, weiterzuziehen. Auch jetzt ist es wieder Zeit zu gehen, ein neues Kapitel zu beginnen. Doch es zerfrisst mich innerlich, dass ich auch diesen Teil der Geschichte alleine schreiben muss. Denn wenn ich eines satt habe, dann ist es das Alleinesein, dann ist es  das Vermissen.

Es bringt nichts, es gibt einfach keine Alternative. Als Kind habe ich einfach so lange geweint, bis ich bekommen habe, was ich wollte, doch jetzt ist alles anders. Unter Tränen quäle ich mich zurück nach Bogaram, jeder Schritt in Richtung Heim kostet mich unendliche Überwindung. Und dann bin ich da. Ganz alleine. Alma ist weg.

Es gibt niemanden, dem ich Urlaubsfotos zeigen kann, dem ich erzählen kann wie wunderschön alles war oder der mich mal kurz in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut wird. Es gibt nur mich und die alles einnehmende Einsamkeit.

Ich staune mal wieder darüber, was für eine verdammt gute Schauspielerin ich doch bin, wenn ich mit den Mädchen spiele, singe oder ihnen bei den Hausaufgaben helfe
.
“Sister, will you stay here?“ – “Of course!”

Aber Fakt ist, dass es seitdem jeden Abend stürmt und donnert und dass der erste Regen fällt – seit 7 Monaten.

Dienstag, 13. März 2012

Gastbeitrag 1.0

So meine Lieben,

ich sitze gerade in einem schaebigen kleinen Internetcafe inmitten Bangalores...In fuenf Tagen werde ich mit Hannes fuer drei Wochen Sri Lanka unsicher machen und daher wohl keine Zeit haben, meinen Blog zu pflegen.
Als Leckerchen fuer diese Zeit gibts allerdings den durchaus gelungenen Gastbeitrag meiner Eltern, ueber den ich mich sehr gefreut habe! Fuer mich war es eine sehr schoene und erkenntnisreiche Zeit... Voraussichtlich wird sich nach meinem Urlaub einiges fuer mich aendern doch bis dahin werd ich alles geniessen, was geht!!!

Viele liebe Gruesse und vielen Dank an Mama und Papa <3




Seit einer Woche sind wir nun wieder zurück in Deutschland und tragen die Bilder Indiens und die Erinnerungen in uns, die wie Blitzlichter immer wieder in unserem Alltag auftauchen.
Unsere Reise nach Indien hat schon im Vorfeld viel Spannung und Vorfreude in uns ausgelöst; sollten wir doch nicht nur ein fremdes Land mit seiner Kultur kennenlernen, sondern auch unsere Tochter wiedersehen, die seit einem halben Jahr in genau diesem, uns fremden Land zu Hause ist.
Unser Wiedersehen am Flughafen in Hyderabad war freudig emotional und erfüllte uns mit großer Dankbarkeit bei der Umarmung. Der Flughafen war so wie wahrscheinlich viele internationale Flughäfen weltweit und bereitete uns in keinster Weise auf das vor, was uns in der 5 Millionenstadt Hyderabad erwartete. Der für uns gewöhnungsbedürftige Linksverkehr war dabei das Geringste. Eng an eng schlängelte sich der Verkehr durch die Stadt -  Autos, Rikschas, Mopeds, Fahrräder, Menschen und Kühe schienen ohne Ordnung zu sein. Spiegel sind eingeklappt und Blinker scheinen keine Rolle zu spielen. Überholen ist rechts wie links in jeder Lücke möglich und Verkehrsregeln werden durch andauerndes und lautes Hupen geklärt. Aus einem geregelten, strukturierten Deutschland kommend bedeutete diese Ankunft in Indien eine leichte Überforderung. Und genau wie Birte uns sagte erlebten wir, dass in diesem offensichtlichen  Durcheinander sich alles doch auf ganz fantastische Weise regelt und dieses Chaos doch eine Ordnung zu haben scheint.
Diesen Eindruck sollten wir noch in ganz vielen Momenten und Begegnungen unserer Indienreise erleben.
Wir werden hier keinen Reisebericht schreiben, uns ist wichtig einige Eindrücke widerzugeben, die uns nachhaltig beeindrucken und beschäftigen.
Ohne die gute Vorplanung und Ausarbeitung der Route durch Birte und ohne ihren engagierten Job als „Reiseleitung“ hätten wir ganz sicher eine andere, nicht so individuelle Indienreise erlebt. Wir reisten mit Zug, Bus (sleeper bus), Taxi und Rikscha zu den unterschiedlichsten Orten ( Hyderabad, Bogaram, Bangalore, Maysore, Nargarhole und Goa), das Gepäck immer dabei und nicht wissend, wo wir die nächste Unterkunft haben werden.
Wenn man in den letzten Jahren einen doch sehr anderen Urlaub gemacht hat, so bedeutet ein solcher Urlaub in einem Land wie Indien - das so voller Schönheit und Müll, so arm und reich, so vielfältig und gegensätzlich und so voll von unterschiedlich lebenden Menschen ist - durchaus eine Herausforderung. Begegnungen unterschiedlichster Art, Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes haben so intensive Eindrücke bei uns hinterlassen die sicher noch lange nachwirken.
Am meisten beeindruckt hat uns das „indische“ Leben unserer Tochter, wie sie unter teilweise schwierigen Bedingungen sich den Aufgaben stellt und diese bewältigt, was wir sehr wertschätzen und bewundern. Ein besonderes Erlebnis unserer Reise war der Tag in dem Mädchenheim, zu sehen wo und wie sie lebt und die Begegnung mit den Mädchen und mit Alma, denn sie sind wichtige Personen in Birtes Leben geworden und gehören zu ihrem Alltag.
Wir sind dankbar, dass wir gemeinsam diese Reise mit unserer Tochter erlebet haben und wir ein bisschen teilhaben konnten an ihrem Leben. Wohl wissend, dass Eltern auch anstrengend sein können würden wir diese Reise jederzeit wieder machen (das soll keine Drohung sein!) und mehr von Indien entdecken wollen. Denn wir finden
                                         INDIEN IST ANDERS  -   INDIEN IST MEHR
Wir wünschen Birte eine schöne, erfahrungs- und erlebnisreiche Zeit und sind in Gedanken bei ihr


Montag, 5. März 2012

Wie ich versehentlich Alice Schwarzer stolz machte



Hier sitze ich nun in einer Halle gefüllt von Feministinnen. Lauter Fratzen, die stolz ihre Bein- und Gesichtsbehaarung zur Schau stellen, die für die Weiblichkeit kämpfen obwohl sie selbst aussehen wie weißrussische Kugelstoßerinnen. Bilde ich es mir ein oder hängen ihnen tatsächlich Schilder um den Hals, die in großen Lettern aussagen was keiner Aussage mehr bedarf: „Ich bin chronisch unbefriedigt!“?
Und während ich mir stundenlang Vorträge auf Telugu anhöre vertiefe ich mich in Gedanken, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen schlechtem Aussehen und dem übermäßigen Engagement in Sachen Frauenrechte gibt… Ach, sieh an, da hinten sind ja auch ein paar mickrige Männerchen. Die scheinen den Braten mit den unbefriedigten Emanzen gerochen zu haben –Quantität statt Qualität. Und auch wenn, oder gerade weil mir jedes Verständnis für das Erscheinen männlicher Besucher fehlt, so muss ich den Herren doch zugutehalten, dass sie Mut haben. Ich hätte angesichts der üblen Blicke viel zu große Angst, nur noch als halber Mann den Saal zu verlassen – echt.

Plötzlich hören meine Ohren, die längst darauf abtrainiert sind, nur noch ganz spezielle Wörter rauszufiltern und dann bis zu meinem Gehirn weiterzuleiten, ein mir nur allzu vertrautes Wort, das mir das erste authentische Lächeln des Tages entlockt: „Snacks!“

Ich eile runter. Kekse und Tschai – Strike! Erst jetzt wird mir klar, wie glücklich ich mich schätzen kann, einen Platz in der ersten Reihe zu besetzen, denn so konnte ich für lange Zeit verdrängen, welche Rolle ich an diesem Tag mal wieder übernehmen sollte: Ich bin der Affe im Zoo. Nein, schlimmer noch, denn die Menschen versuchen nicht einmal mich zu füttern sondern lediglich Fotos zu schießen und mich zu begrabschen. Ich lächle schüchtern und versuche jede Art des Blickkontakts zu vermeiden.

Buff, „AUA!“, „OH SORRY!!!“, „Verdammte Scheiße, geht’s noch?!“

Nicht nur, dass ich einfach mal so gewaltvoll angetippt werde, dass ich mir meinen kochend heißen Tee über den Arm kippe, nein, jetzt ist auch noch mein weißes T-Shirt im Arsch!

Eilig kommt eine Freundin der Attentäterin zur Hilfe: „Sorry, Madame, my friend doesn’t speak English!“

Freundlich lächelnd (für diese Darstellung hätte ich nen Oscar verdient!) drehe ich mich zu meiner Tee-Bekanntschaft um: „Ach weißt du, das macht üüüberhaupt nichts! Ist ja ganz selbstverständlich, dass ich hier durchgängig den Kasper spiele, der 200 Mal dieselben bescheuerten Fragen denselben bescheuerten Menschen beantwortet, die zwar in der Schule den Fragesatz gelernt haben, aber meine Antwort überhaupt nicht verstehen. Es macht mir im Übrigen auch tierischen Spaß mich mit so rücksichtsvollen Menschen wie du einer bist fotografieren zu lassen. Und davon abgesehen macht es mich regelrecht an, am Tag 80 Paar schwitzige Hände zu schütteln wenn es auf dem Klo nicht mal Seife gibt!“

„You are so nice, sister!“ lautet die Gegenreaktion.

Anstatt mir einen neuen Tee zu holen, beschließe ich, auf Toilette zu gehen. 

Geil.

 Da halten Emanzen Emanzenvorträge für andere Emanzen, in denen sie die Welt verändern wollen und zwei Minuten später werde ich vor die Tatsache gestellt, dass es in dem riesigen Gebäude sechs Toiletten für Männer und genau eine einzige für Frauen gibt. Die Reihe vorm Klo ist 20 Meter lang, macht nach dem Einsteinischen Klogesetz etwa 35 Minuten Wartezeit – zu lang!

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, denke ich mir und da ich sowieso der ungewollte Mittelpunkt der Veranstaltung bin, trete ich vor die Menge und unterbreite ein Angebot, dass man (also auch Mannsweib) nicht abschlagen kann: „Hey, can you listen for a second? Why don’t we just use the Gents toilet, too? I can only see women, so there won’t be any problem…!”

Blankes Entsetzen ist die Antwort. „No!“, „NO!!“, „No, no, no!!!!“, rufen alle hektisch durcheinander (in diesem Moment stellte ich fest, dass es doch irgendwo Frauen sein müssen…).

„Ach leckt mich doch!“, sage ich in neutraler Tonlage (der Ton macht die Musik!) und gehe entschlossen an der Warteschlange vorbei aufs Männerklo.

Mein Kopf redet noch etwa 5 Minuten mit den verklemmten Damen vor der Tür, die sich hoffentlich vor lauter politischer Korrektheit in die Hose machen, während ich mir bereits die Hände wasche. Plötzlich klopft es. HÄ? Klopfen? Eine Männerstimme ertönt: „Madame, please come outside!“, höre ich eine nun recht raue Männerstimme.

Moment mal, werde ich hier gerade aus dem Klo geschmissen?! Ich öffne die Tür. Ein Mann in Nadelstreifenanzug, groß gebaut, steht vor mir und guckt mich erbost an.

„I am the owner of this house and I you are not allowed to use this toilet! This is for men only, you have to use this toilet!”
“Ok, sorry…”, höre ich mich sagen. Bin ich eigentlich bescheuert?! OK?! SORRY?! Der Schnösel soll sich mal….Mann ey! Ich gehe völlig verunsichert zu meinem Sitzplatz zurück. 

Auf halber Strecke drehe ich mich auf dem Absatz meiner Flip-Flops um, laufe mit ausgestrecktem Zeigefinger zurück und brülle: „Eines sag ich euch: Ihr Emanzen seid auch nicht mehr das, was ihr mal ward!“

Samstag, 3. März 2012

Finally back: 3 minutes in the brain of Birte


Ich hab keine Lust


Ich habe beschlossen, dass der Satz „Ich hab keine Lust“, das beste Argument der Welt ist. Man sollte nichts tun worauf man keine Lust hat.

„Ach, die hat doch keine Ahnung, wie der Hase läuft!“, höre ich die Rufe schon bis nach Bogaram klingen. „Ich muss zur Arbeit, ich muss kochen und die Wäsche macht sich auch nicht von alleine!“, höre ich das ewigen Klagen.
Dabei ist die Gleichung doch eine ganz einfache:

Wenn ich keine Lust habe, meine Klamotten zu waschen, dann mach ich es halt nicht. Das Ganze geht so lang, bis ich nur noch Dreckwäsche im Koffer habe. Und dann hab ich plötzlich Lust zu waschen, weil die Unlust, mit dreckigen, stinkenden Klamotten rumzulaufen, die Überwindung jene zu reinigen schließlich übersteigt.

Würden wir alle nur noch Dinge tun, auf die wir Lust hätten wären wir glücklicher und in jeder Hinsicht reicher. Denn dass wir nur in den Dingen herausragend sind, die uns wirklich Spaß machen und interessieren ist keine Neuheit. Ich gebe zu, manchmal muss man seine Lust etwas austricksen, doch im Großen und Ganzen muss ich mir auch beim zweiten „Drüber-Nachdenken“ meiner Theorie eingestehen, dass ich Recht habe.

Ich habe  nicht über den Besuch meiner Eltern berichtet, weil keine Lust hatte, ich habe heute keinen Computerunterricht gegeben, weil ich keine Lust hatte, ich hab mir die Haare nicht gewaschen, weil ich keine Lust hatte und möglicherweise werde ich diesen Text nie ins Internet stellen einzig und alleine, weil ich dazu keine Lust habe.


Nein, heute gibt’s keinen Schlusssatz, denn: Ich hab keine Lust.