Freitag, 27. Januar 2012

Über Liebe, Leben und Tod


Ich erinnere mich zurück an eine der längst vergangenen Biostunden, in der es um Adrenalin ging. Wie so oft (eigentlich kann man das auf meine gesamte Schulzeit beziehen) blieb nicht viel vom Gesagten hängen. Doch irgendwo in einer winzigen Gehirnzelle meines Kleinhirns zwischen den Etagen „Was ist der Sinn des Lebens?“ und „Was mache ich nächstes Wochenende?“ hat sich eine Aussage möglicherweise nachhaltig festgesetzt: Wenn sich der Mensch in Gefahr befindet, werden Unmengen von Adrenalin freigesetzt, die diesen dadurch schützen, dass der Körper angespannt ist, jede Zelle abrufbereit, wodurch man viel schneller auf äußere Einflüsse und neue Umstände reagieren kann, sprich: Adrenalin schützt.

Ich blicke mich um und frage mich, was mein Körper wohl tun würde wenn jetzt ein kleiner Stupser von hinten…

Ich merke wie meine Knie weich werden.

Aber nein, ich will ja nichts beschwören, denke ich mir und stelle mir bereits im nächsten Moment die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ich wohl überleben würde. Der Zug fährt so circa 120 kmh. Wenn ich Glück hätte und wirklich einfach nur rausfallen würde, wäre ich lediglich mit einem gebrochenen Arm und der Suche aus dem Nirgendwo konfrontiert. Doch sollte mein Körper einem eventuellen Sturz Widerstand leisten, könnte die Geschichte anders ausgehen, zum Beispiel mit der Kollision eines anderen Zuges, oder, was deutlich wahrscheinlicher ist, mit einem der etlichen Bäume die direkt neben den Schienen aus dem Boden ragen. Komisch, über den eigenen Tod nachzudenken und doch strahlen diese Gedanken eine gewisse Faszination aus.

Ohne darüber nachzudenken, greife ich zu meiner Tasche, fahre mit dem rechten Arm durch die lange Schlaufe und lasse sie dann bewusst aus meiner linken Hand gleiten. Da flattert sie nun, neben mir her, im Fahrtwind des Zuges. Mein Bargeld, meine Kreditkarte und mein Reisepass hängen am ledernen Faden, mit nur einer kleinen Bewegung wären sie wohl für immer weg – meine bürokratische Identität, vom Winde verweht. Ich lächle zufrieden, weil ich mich darüber freue, wie unbeschwert ich manchmal sein kann, wie unerwachsen, wie unvernünftig.

Ich ziehe sie wieder zurück ins Innere des Zuges. Noch immer beflügelt von meiner Leichtigkeit rutsche ich nun ein ganzes Stück weiter nach vorne auf die Stufe. Ich blicke nach unten auf die Schienen und versuche herauszufinden, ob mich das ratternde Geräusch der darüberfahrenden Räder nervös macht oder beruhigt. Egal. Ich löse meine Füße vom Brett und lasse die aus dem Zug baumeln. Adrenalin – überall. Wir fahren über eine Brücke, ich schau hinunter und sehe meine schwebenden Beine vor dem Hintergrund eines reißenden Flusses etwa 30 Meter unter mir.

Und jetzt realisiere ich erst, dass mit nur einer falschen Bewegung alles vorbei sein könnte. Und der Gedanke macht mich glücklich.

Was du als lebensmüde bezeichnen würdest, ist für mich nur eines: lebensbejahend.

Denn was mich so an diesem Leben fasziniert, was es für mich so lebenswert macht ist einzig und allein die Tatsache, dass es vergänglich ist und dass in einer einzigen Sekunde plötzlich alles vorbei sein könnte. Das ist der Reiz des Lebens, zumindest meines Lebens.

Ich beginne zu verstehen, was Alma gemeint hat, als sie sagte, sie habe sich wieder in ihr Leben verliebt. Denn hinter dem ganzen Adrenalin in meinem Körper versteckt sich auch jede Menge Glück. Ich begreife mein Leben als ein Geschenk. Und ich liebe es, weil ich frei entscheiden kann, was ich damit anfangen will, weil ich selbst entscheiden kann, ob ich die Tasche loslasse, ob ich die Beine baumeln lasse oder ob ich aus dem Zug springe.
Die Sonne geht unter und mein Blick streift über Chili-Felder, die bis zum Horizont reichen, über Kuhherden, die durch die Bäche laufen, über Menschen, die große Gefäße auf ihrem Kopf transportieren, über Ochsenkarren, die Reissäcke transportieren.

Die Melancholie in mir befiehlt meinen Augen, ein paar Freudentränchen auszustoßen, um diesen Moment endgültig einzigartig zu machen, ich ergebe mich ihr, sie hat die besseren Argumente.

Ich greife zu meiner Tasche, ziehe meinen Ipod heraus, und drücke „play“: Iggy Pop – The Passenger.

Und auch, wenn gerade alles traumhaft schön ist, vielleicht sogar perfekt – ich würde die Zeit nicht anhalten wollen, selbst wenn ich es könnte. Denn es warten ja noch so viele weitere perfekte Momente auf mich und die können immer nur dann perfekt sein, wenn man im Hinterkopf hat, dass sie jederzeit wieder vorbei sein können, eben wie das Leben selbst. Ich lasse die Hände los und wieder kribbelt es überall. Und jetzt wird mir klar, dass es nicht schlimm wäre, wenn ich jetzt sterben würde, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Denn solange ich in einem Moment sterbe, in dem ich gerade gelebt habe, ist alles gut, dann hätte ich nichts worüber ich mich ärgern würde, dann würde ich nichts bereuen.

Eine tolle Erkenntnis, die mich hoffentlich nie wieder verlässt.
Gleich muss ich aufstehen und aussteigen, diesen für mich magischen Moment beenden. Deshalb noch ein letztes Mal die Augen schließen und alles aufsaugen was geht.

Denn: „I am the passenger and I ride and I ride…”

Freitag, 20. Januar 2012

Eskalation im Computerraum


Was muss sich die Hexe nur gedacht haben, als sie das milchige Fenster zum Computerraum öffnete und das Spektakel sah, was sich darin abspielte?


Ich stehe in der Mitte des Raumes, schwinge meine Hüften von links nach rechts, fuchtel wie besessen mit den Armen in der Luft herum. Um mich herum stehen etwa 8 Mädchen im Kreis, feuern mich an und imitieren kreischend meine Bewegungen. Pravallika korrigiert aus der Ecke des Raumes meine Fingerhaltung, Lalitha schnappt sich das kleine Kinderfahrrad und fährt rythmisch vor und zurück, Sana klettert auf den Tisch und imitiert den Nightfever-Dancemove, Durga gröhlt den Text  und animiert alle Anwesenden zum Mitsingen. Es funktioniert, die Geräuschkulisse erreicht einen Pegel der eine Entscheidung zwischen „Boah-ist-das-laut-und-total-schief-ich-kann-hier-nicht-länger-bleiben-ohne-mit-erheblichen-Hörschäden-zu-rechnen“ und „einfach-nur-geil“ unmöglich macht. Wir tanzen, gröhlen, wackeln uns in eine Art Rauschzustand, so erscheint es mir.

„We all go to Mental Hospital!“ höre ich eines der Mädchen rufen. Schallendes Gelächter.

Singen, als ob niemand zuhört, tanzen, als ob niemand hinsieht.
Die traditionelle Kleidung und die männerfreie Welt erlaubt es uns, so sexy zu tanzen, wie wir nur können (und die Mädels können sexy tanzen – Aber Hallo!).

Was war passiert? Bis vor 10 Minuten war dieser Computerunterricht wie jeder andere auch…

Rückblick.

Vielleicht fing es mit Pravallikas trockenem Kommentar an, der mich so zum Lachen brachte.
„Sister, I cannot type.“ –„Why not?” – “Because this computer is confused.”

Vielleicht ging es weiter, als Manasa (ein 8-jähriges Genie) eine ihrer berüchtigten Grimassen schnitt und ich sie daraufhin als „Itsche“ bezeichnete, was ihr so gut gefiel, dass sie von nun an immer so genannt werden will.

Vielleicht war der Tropfen der das Eskalations-Fass zum Überlaufen brachte meine Ankündigung, dass Alma und ich ab nächster Woche Notiz darüber führen werden, wie konzentriert die Mädels sind um die Aufmerksamen unter ihnen am Ende des Monats mit Süßigkeiten zu überraschen.

„Aber damit fangt ihr erst nächste Woche an, oder?“ – „Ja, ab nächster Woche müsst ihr euch benehmen…“

Jetzt reicht ein Handzeichen aus und Saramma legt die völlig zerkratzte „Everybody on dancefloor – Volume 11“ CD ins Laufwerk.

Zuerst sind wir nur zu fünft. Doch wie die Fliegen ums Licht kreisen, so kreisen die Mädchen um jede Anlage, die ihre Lieblingsmusik spielt – vor allem, wenn sie dabei zusehen können, wie Priya Sister abgeht.

Völlig abgelenkt, aufgedreht, berauscht, bekomme ich gar nicht mit, wie sich der kleine Raum mit den drei Steinzeit-Computern allmählich füllt. Und so kommt es schließlich zur anfangs beschriebenen Szene.

Ihr Räuspern, ihr Husten, ihr Klopfen. Alles zieht an mir vorbei. Und gerade als ich auf dem Höhepunkt extravaganter Moves ankomme, öffne ich die Augen und schaue der Hexe (einer Anwältin, die hier aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend eingezogen ist und seither tägliche Gehirnwäsche mit den Kindern vollzieht) direkt in die Augen.

Wäre ich Stefan Raab und hätte einen Tisch mit roten Knöpfen vor mir gehabt, so hätte ich jetzt Emmas legendäres „Uppsi!“ abgespielt.

Stattdessen zucke ich zusammen, berappel mich und wuschel gefühlte drei Minuten in meinen Haaren herum, sodass eine Frisur zumindest wieder erahnbar ist.

„They should not dance, they have to study.“ 

Das ist alles. Pfffffffffff (x 10^37)!

Ich muss an eine Songzeile denken: „ You said I must eat so many lemons, cause I am so bitter.“

“One more song, please!”, rufen die Mädels. “One more song, please!”, sage auch ich nun.

Eine abwertende Kopfbewegung und das Geräusch ihres schlürfenden Ganges auf dem Flur.

„Hey girls, when we’re finally in Mental Hospital, we will start a revolution!“ rufe ich und hoffe, dass die Hexe diese Kampfansage noch gehört hat.


Musik an, Kopf aus. Denn wenn‘s am Schönsten ist, sollte man weitermachen.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Wie ich um ein Haar zu Spiderwoman mutiert wäre


„Der Blutdruck ist normal.“ 

Das ist das Letzte (und eigentlich auch das Einzige) was der Arzt zu mir sagt. Ziemlich frustrierend angesichts des langen Vortrages, den ich ihm gehalten habe, der Beschreibung des Krankheitsverlaufs, dass mich höchst wahrscheinlich eine Spinne in den Oberarm gebissen hat, dieser nun von der Schulter bis in die Finger schmerzt, sodass ich ihn kaum noch bewegen kann, dass meine Körpertemperatur innerhalb von 12 Minuten von 37,3 auf 39,8 Grad gestiegen ist, dass mir ständig schwindelig wird und schlecht ist und dass ich irgendwas will, was mich innerhalb weniger Minuten wieder topfit macht. Er drückt mir irgendeinen Wisch in die Hand und zeigt mit der Hand auf die Tür, also gehe ich.

Nun stehe ich draußen, beuge ich mich nach unten, um meine Schuhe anzuziehen.
Innerhalb weniger Sekunden wird mir schwarz vor den Augen, schwindelig, es zieht mich nach unten, zwingt mich in die Knie, dann auf mein Hinterteil und schließlich liege ich auf dem Boden.

Toll, denke ich, soviel zum Blutdruck!

Ich berappel mich (Anmerkung: Held!) und bekomme die Anweisung, den Zettel in meiner Hand einem Typen hinter einer Glaswand zu geben. Der schnibbelt irgendwelche seltsamen Tabletten aus und reicht sie mir.

„40 Rupees.“, sagt er. Für den Preis bekommt man nicht mal in Goa so viele bunte Pillen, denke ich mir und greife zu. Mit einem Papiertütchen voller bunter Tabletten und der Anweisung nach jeder Mahlzeit eine zu nehmen gehe ich also nach Hause. Auf dem Weg noch schnell zum Kiosk um mir Cola zu kaufen, schließlich muss ich was für meinen Kreislauf tun. Beim Kaufen widerfährt mir, was mich endgültig an der Qualität indischer Blutdruckmessgeräte zweifeln lässt: ich kippe erneut um und lande diesmal mitten in den Kürbissen. 

 Noch im Fallen beschließe ich, zwei Flaschen Cola anstatt einer zu kaufen.

Statt persönlicher Beratung vom Arzt oder Apotheker, statt informativer Packungsbeilage gibt’s selbstständiges Nachforschen bei Google und Wikipedia. Offensichtlich werde ich die Einnahme der Smartie-ähnlichen Teile überleben, sagt zumindest das Internet meines Vertrauens. Also rein damit.

Manno, ich will meine Mama, mein warmes Bett, meinen Fernseher, meine lila Plüschwärmflasche und geknetschte Banane mit Schokostreuseln!
Doch nicht mal Alma ist da, um mich zu bemuttern und zu bedauern...

Also hilft alles nichts. Und während mein Körper gegen das Fieber kämpft beschließe ich, etwas Sinnvolleres zu tun, als mein Bettlaken voll zu schwitzen – PUTZEN. Wenn mein körperlicher Zustand schon in den Händen der Pharmaindustrie liegt, dann will ich zumindest Herrin meiner psychischen Verfassung sein. Und was befriedigt mehr als Aufwand mit anschließendem Ergebnis (rhetorische Frage = keine Antwort erforderlich, selbst wenn man theoretisch eine parat hätte…)?

Die Medikamente wirken, das Fieber sinkt, mein Biss heilt ab.

Na toll, ausgerechnet jetzt erwähnt Hannes, dass Peter (Achtung an alle Familienmitglieder über 40: das wird Englisch ausgesprochen (=Pietär)) nach dem Biss einer Spinne auch erst Höllenqualen erlitt, ehe er zu Spiderman wurde...!!

Aber hey, wer braucht heutzutage schon Superkräfte, um die Welt zu retten (rhetorische Frage= keine Antwort erforderlich, selbst wenn man theoretisch eine parat hätte…achja, und an alle, die tatsächlich eine Antwort haben: Wer hat gesagt, dass ich nicht schon längst Superkräfte besitze? (rhetorische Frage=keine Antwort….ach das wird mir jetzt zu blöd (ob meine Blödheit Nebenwirkung der Medikamente ist oder aber der Ausgleich für meine Superkräfte, darf der Leser selbst entscheiden (wehe du triffst die falsche Entscheidung!))) ( für den Fall, dass ich eine Klammer vergessen hab, mach ich mal lieber noch eine))?

Und da ich immer noch kränklich bin, fühle ich mich nicht in der Lage, einen guten Schlusssatz zu formulieren. Sorry, aber ich fürchte, da hilft jetzt nur noch ganz viel Mitleid ;)

Samstag, 7. Januar 2012

Let´s go Goa! (ich weiß, meine Wortspiele waren auch schon mal besser…echt jetzt!)


Ich bin bisher weder Fallschirm, noch Bungee gesprungen, musste noch nie ernsthaft um mein Leben fürchten, wurde noch nie überfallen oder habe bewusst eine schwerwiegende Straftat begangen. Und dennoch, ich bleibe dabei: die 30 Minuten, die ich am Bahnhof in Hyderabad verbracht habe waren vom Adrenalinpegel auf dem gleichen Niveau wie die oben genannten Situationen.

Ich könnte jetzt erzählen, wie ich mit 5 Männern insgesamt 4 Mal den 1,5 km langen Zug rauf und runter gerannt bin und dort die 27 Listen durchsucht habe nach der Zahl 43, weil das mein Wartelistenplatz war. Ich könnte natürlich auch davon berichten, wie ich mit samt Gepäck in einen 20 kmh schnellen Zug gesprungen bin, dem Ticketkontrolleur 600 Rupien Bestechungsgeld gezahlt habe, nachdem ich bestimmt 10 Mitleids-Krokodils-Tränen vergossen habe oder 7 Stunden bei vollem Fahrtwind und offenen Türen auf dem Gang des Zuges saß. Ich könnte erwähnen, dass ich 4 indische Transen gesehen habe und insgesamt bestimmt 20 Leute aus der ganzen Welt kennengelernt habe. Ich könnte darüber schreiben, wie ich an Neujahr um die 82 Drogen-Leichen am Strand Slalom gelaufen bin oder wie ich es geschafft habe, den Eintritt des Clubs zu prellen und dann auch noch für 0 Rupien betrunken und äh….ja – betrunken zu werden. Selbstverständlich könnte ich euch darüber informieren, dass ich auf der Rückfahrt 5 Mal im falschen Zug saß oder dass ich in einer Strandhütte für 3 Euro die Nacht geschlafen habe.

Ich könnte euch darüber aufklären, was mein Goa-Urlaub mit Hogwarts zu tun hat, warum ein Elefant nicht immer ein Tier sein muss oder die Frage beantworten, warum jedes Gespräch früher oder später von Tassen handelte.

Wie gesagt…ich KÖNNTE…doch…och nö.

Die Goa-Crew (Kathrin, Olaf, Marie et moi) unterliegt noch strengeren Auflagen, als die der Black Pearl. Unser Kodex beinhaltet genau einen Gesichtspunkt, der in seiner Wichtigkeit und seiner enormen Bedeutung (im Übrigen auch für die Nachwelt!) nicht zu unterschätzen ist:

Wenn nicht in Goa, wo dann?!

Kein Wunder also, dass der Ordner mit den Goa Fotos „Bilder für stolze Eltern“ heißt (an dieser Stelle seien sie gegrüßt: Danke für die tolerante und weltoffene Erziehung!) oder dass ich nach meinem Goa-Trip (an dieser Stelle muss der Leser peinlich berührt kichern!) auf meiner „was-ich-noch-tun-muss-bevor-ich-sterbe-Liste“ etliche Punkte abhaken konnte.

Abschließend bleibt noch eine Frage: Wo war Goa, als in der Schule Vorträge zur Suchtprävention gehalten wurden?

Samstag, 24. Dezember 2011

Stille Nacht, heilige Nacht


Ich sitze in meinem neuen schwarzen Kleid auf dem Dach. Über mir ist der schönste Sternenhimmel, den ich je sehen durfte. Mir ist kalt. Ich könnte jetzt aufstehen, runter gehen und mir eine Jacke holen.  Aber ich will frieren, nein, ich muss jetzt frieren.
Tränen laufen über meine Wangen. Ich müsste jetzt nicht weinen, ich könnte es aufhalten, mir geht es nicht schlecht, ich brauche kein Ventil, fühle mich nicht einmal einsam. Doch ich will jetzt gerade weinen. Vielleicht aus Entsetzen darüber, dass es mir gut geht.

Ich höre meine Wiedergabeliste mit dem Titel „Kummer“ und greife immer wieder in die Dose mit den Weihnachtsplätzchen. Ameisen  krabbeln über die Krümel. Nein, ich beseitige sie nicht, einzig und allein deshalb, weil sie Teil der unglaublichen Absurdität dieses Momentes sind.

Es ist ganz ruhig in mir. Ich singe drei Strophen von „Stille Nacht“, während ich höre, dass eines der Kinder unten bitterlich weint. Ich frage mich, ob mir diese Nacht heute heilig ist und auch wenn ich verzweifelte nach Argumenten suche, die diese Frage bejahen, so bin ich mir nicht sicher, ob sie ausreichen, um mich vollends davon zu überzeugen.

Ich rechne viereinhalb Stunden zurück, schließe die Augen und sehe mich, wie ich vorm Spiegel stehe, mich schminke, die Haare kämme, Mütze, Schal und Handschuhe anziehe, mein Horn nehme und zur Kirche gehe.

Ein Flugzeug. Ob ich gerne darin säße? Nein.

Ich finde einen Zettel in meiner Tasche. „Happy Christmas Priya-Sister! I love you.“

Und plötzlich singt Jack White mit seiner unglaublich unnahbaren Art „I´m lonely, but I ain’t that lonely now“. Wie automatisch stelle ich den Laptop weg und lege mich hin. Dieser Augenblick ist viel zu wertvoll, um ihn mit dem Schreiben eines völlig gehaltlosen Blogeintrags zu zerstören.


Ich sehe eine Sternschnuppe und jetzt weiß ich: Diese Nacht ist heilig.





Frohe Weihnachten!

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Aus dem Leben eines A-Promis*


„AAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

(dieser Ausruf ist mindestens 2 Oktaven höher, als du ihn dir gerade vorgestellt hast)

„HIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHIHI“

(dieses Kichern wird von mindestens 10 Frauen mehr ausgestoßen, als du gerade gedacht hast)

„HAHAHA!“

(dieses Lachen….nein, Stopp, das sind jetzt lediglich Alma und ich)


Ein bisschen peinlich berührt, irgendwie auch sehr geschmeichelt, laufen wir unseren (mittlerweile täglichen!) Gang zum Kiosk in Bogaram. Wer ist eigentlich dieser Justin Bieber? Wer kam eigentlich auf die Idee, man würde von zu viel Ruhm irgendwann abheben? Wer glaubt eigentlich an das Gerücht, man müsse irgendwas Besonderes leisten um berühmt zu werden? Wer hat eigentlich bestimmt, dass der Walk of Fame in Hollywood und nicht in Bogaram ist?

Die Antwort ist bei allen Fragen dieselbe: ein Idiot. Oder zumindest ein Weltfremder, den es noch nie in das allseits berüchtigte Bogaram verschlagen hat. Ein Idealist, der einfach noch nie dabei war, als Alma und ich das Heim verlassen haben und wir jubelnd, schreiend und quietschend empfangen wurden.

Wäre die Straße zum Kiosk nicht nur von Müll, Tierkadavern und Schlaglöchern übersäht, sondern stattdessen mit Häusern bebaut, in denen Menschen wohnen, die eventuell noch Fotoapparate hätten, so käme unser täglicher Spaziergang der Hochzeits-Kutsch-Fahrt von Kate und William gleich. Frauen stehen auf der Ladefläche eines an uns vorbeifahrenden Autos und winken schüchtern. Sobald wir ihnen eines unserer Hollywood-Zahnpasta-Lächeln schenken (im Vergleich zu indischen Zähnen hat JEDER dieses Lächeln!), und dabei gegebenenfalls noch zuwinken, sodass selbst die Queen neidisch wäre (als würde man sanft ein Honigglas aufschrauben, das auf dem Kopf steht…), flippt die Damenwelt nur so aus (die Männer natürlich auch, aber die signalisieren es eben anders…irgendwie…NOCH primitiver…)!

Und diese Reaktionen erfahren wir überall, wo wir auftauchen. Ich denke zurück an den Tag als wir im Zoo waren wo wir für viele Besucher die größte Attraktion (kommt in diesem Fall ganz sicher von „attraktiv“!) darstellten und somit Safari und Zugfahrt in den Schatten stellten. An einem einzigen Tag wurden gefühlte 200 Fotos von uns geschossen, in denen wir abwechselnd mit Kindern, Vater, Mutter oder allen zusammen posieren.

Irgendwann, als wir für mehrere Familien hintereinander Fotos fürs Familienalbum schossen, sagte Alma: „Egal, was jetzt passiert, wir rennen einfach los!“
Und das taten wir dann auch und ignorierten die „Please, madame!“-Rufe.

Die gleiche Szene, immer wieder. Und es ist immer wieder ein Spagat zwischen Scham und Ehre. Und während ich so weitergehe auf dem Weg zum Kiosk und darüber nachdenke, dass ich nicht sonderlich gelenkig bin und daher eigentlich überhaupt keinen Spagat machen kann und mich frage, ob das dann bedeutet, dass ich mich in solchen Spagat-Geschichten für eine Seite entscheiden muss oder ob meine Sportlichkeit doch in keinem Zusammenhang mit der Frage steht, welches Gefühl bei mir überwiegt und wer weiß, vielleicht kann ich das ja auch gar nicht steuern und lenken, vielleicht werde ICH davon gelenkt, meine ganze Gedankenwelt, quasi völlig manipuliert von meinen Gefühlen und meiner Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, aber jetzt muss ich echt aufpassen und mich zusammenreißen, damit ich mich nicht wieder völlig in gehaltlosen Gedankenfetzen verfranse, sonst……..und als ich gerade beschließe Spagat zu lernen, merke ich, dass ich auf weichem Untergrund stehe.

„HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ????“

(dieser Begriff des Unverständnisses ist viel entsetzter, als du gerade gedacht hast)

„SCHEIßE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

(dieser Ausdruck bedeutet zwar nicht, dass ich in Kot stehe, ist jedoch trotzdem mindestens so entsetzt wie der zuvor genannte!)

Schnell drehe ich mich zu Alma um, in der Hoffnung, dass sie mir nicht gefolgt war – vergeblich. Sie blickt ebenfalls fragend auf den Boden.

„Scheiße, Alma, wir stehen gerade im frischen Beton.“

Zur vollen Blamage hätte jetzt nur noch ein Spagat gefehlt – wie gut, dass ich den noch nicht geübt hab!

Und da ich schon immer für meine sachliche präzise Situations-Analyse bekannt war, da ich ein logisch strukturierter Mensch bin, dessen Hirn effizienzgeleitet sofort den eigenen Fehler diagnostizieren kann und dann sofort nach Lösungen sucht, den Schaden möglichst gering zu halten, gehe ich nicht die zwei Schritte weiter, um dann wieder auf festem Boden zu stehen, sondern stattdessen die fünf Schritte zurück durch die klebrige Pampe.

Unter den interessierten Blicken etlicher Menschen legen wir unseren „Hä? War irgendwas?“-Blick auf (der auf einer Stufe mit dem Zahnpasta-Lächeln und dem Queen-Winken steht) – natürlich absolut glaubwürdig, nicht nur, weil es mal locker 20 Zeugen gibt, sondern zudem noch unsere Fußspuren in den Boden eingestanzt sind und wir noch frischen Beton unter den Sohlen kleben haben.

Wie war das doch gleich? In Bogaram gibt’s keinen Walk of Fame? Pah, von wegen!
Dass Justin Bieber noch nicht in Bogaram war, ist jetzt auch kein Wunder mehr (schließlich würde der vor Neid erblassen!).
Dass man nichts Besonderes leisten muss, um berühmt zu werden, hätten wir jetzt somit auch widerlegt (das soll uns erst mal jemand nachmachen!).

Nur das mit dem Abheben bei zu viel Ruhm kann ich nicht bestätigen:
Schließlich kann ich in meiner Position mit gutem Gewissen und voller Berechtigung erwarten, standesgemäß vom Pöbel empfangen zu werden!


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*  Parallelen zu „Aus dem Leben eines Taugenichts“ sind hier rein zufällig

Montag, 12. Dezember 2011

Von hinten bis vorne


Heute, 12:23 Uhr:


Durga Bhavani verzieht das Gesicht. Angewidert. Die Mundwinkel hängen dabei fast tiefer als das Kinn lang ist. Sie stöhnt genervt auf, greift dann zielsicher auf das runde Stück Metall, nimmt eine bunte, zusammenklebende Masse in die Hand und schiebt diese rüber zu Ashwini, die sich gerade angeregt mit Lalitha unterhält und dabei wild gestikuliert. Um ein Haar schlägt sie Durga Bhavani das Stück aus der Hand als sie nach oben zeigt. Das macht Ashwini stutzig. Sie blickt nach unten und  sofort macht sich Entsetzen in ihr breit. Alles an ihrem Körper wehrt sich dagegen, dieses Geschenk anzunehmen. Auch Lalitha hat die Lage erkannt und will ihrer besten Freundin in diesem schwierigen Moment beistehen. Von tiefer innerer Verbundenheit geleitet wagt sie sich, das Stück nun auch in die Hand zu nehmen, um Ashwini von ihrer Qual zu erlösen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wird das Stück nun zu Laxmi befördert. Verdammt was nun? Alle Tricks, das harte Los irgendwie abzuwehren, sei es durch schnelle Reaktionen mit den Händen oder die Solidarität der besten Freundin, scheinen aussichtslos.

Oder etwa nicht?

 Tränen steigen in Laxmis Augen. Das Mädchen mit der höchsten Stimme fängt an, herzzerreißend zu weinen. Das ist kein Weinen, das ertönt, wenn ein Kind hingefallen ist und sich verletzt hat, nicht so als hätte man ihm sein Lieblings-Spielzeug weggenommen. Nein, das Weinen, das aus Laxmis Kehle erklingt, durchfährt Mark und Bein, denn es ist ein Weinen, als hätte ihre Mutter vergessen, sie aus dem Kindergarten abzuholen. „Chinnar-Akka!!!“, brüllt sie los. Diese stürmt herbei um ihrer kleinen Schwester zu helfen. Als hätte sie bereits geahnt, was sie erwartet, springt Anusha hektisch auf, klettert auf die Arbeitsplatte und hält ihre Metallschüssel so hoch wie sie nur kann. Doch es hilft nichts. Chinnari hält das bunte Etwas längst in ihren Händen, erklimmt ebenfalls die Arbeitsplatte und schmeißt es mit aller Wucht in Anushas Schüssel. In diesem Moment betritt Sana die Küche und Anusha erkennt, dass dies ihre Gunst der Stunde ist, denn jene hatte schon längst alles zurechtgestellt, war aber noch etwa 5 Meter davon entfernt. Jetzt oder nie! Sie greift nach dem klebrigen Stück und schiebt es Sana unter, die von dieser Aktion nichts mitbekommen zu haben schien. Aufatmen auf allen Seiten.

„Chiiiiii!!!!“, quietscht Sana, als sie erblickt, was vor ihr liegt.
Ein langer Monolog beginnt, indem immer wieder Ausdrücke des Ekels und das Wort „sister“ vorkommen. Ein Lächeln huscht mir über die Lippen. Ich muss kichern. Jyoshna sieht schockiert zu mir auf und realisiert, dass ich seit 2 Minuten unbemerkt im Türrahmen stand und die ganze Szene beobachtet hatte. „Siiiiiiiister!!!“
Schimpfen, Schläge auf den Hinterkopf der Mädchen und aggressives Gestikulieren sind die Folgen meiner Erscheinung.

„So nice, sister!“, sagen schließlich alle im Chor und grinsen mich dabei an.



Gestern, 20:26 Uhr:


Mit noch leicht nassen Haaren und sehr trockenem Humor sitze ich auf dem Boden, blicke von einem Mädchen zum anderen und muss lachen. Der Anblick der sich mir bietet sagt alles, obwohl um mich herum völlige Stille herrscht. Zwischen den Blickwechseln der Mädchen, stehen keine Sätze sondern ganze Romane, die solche Überschriften wie „Als ich das Wasser trinken musste, indem meine Großmutter ihr Gebiss gewaschen hat“, „Wie ich die Haltegriffe der Berliner U-Bahn ableckte“, oder „Nacktbaden im New Yorker Abwasser“, tragen könnten. Unbeeindruckt führe ich meine rechte Hand zum Mund. Wäre das schweigsame Spektakel um mich herum nur halb so interessant, ich würde vor Genuss die Augen schließen. Ich blicke rüber zu Alma und wir beschließen, aufzustehen und zu gehen, die Situation dem Schicksal zu überlassen, oder einfach dem menschlichen Instinkt. Wir gehen durch die Tür nach draußen. „So nice, sister!“, ertönt es gleich aus mehreren Hälsen. Ich lache.



Gestern, 18: 17 Uhr:


Frisch geduscht und voller Elan greife ich nach dem Messer und beginne die Tat, die mich noch etwa zwei Stunden lang beschäftigen sollte. Viele Gedanken hatten wir uns gemacht, zumindest was Menge und Art betraf. Nun bin ich fest davon überzeugt, dass es ein Erfolg wird. Alles andere würde die Zerstörung meines Weltbildes bedeuten, oder zumindest einem starken Rütteln daran gleichkommen. Die Musik im Hintergrund macht die Arbeit erträglich. Ständig versuchen Mädchen, zu erspähen, was sie erwartet, doch die Türen sind verschlossen und der Schutzwall errichtet.
„Und??“, frage ich Alma erwartungsvoll. Sie nickt zufrieden und entgegnet „Also ich finds gut!“
Es klopft an der Tür. Ich öffne sie und erblicke Nagomanie, die höflich um Einlass bittet, um etwas zu trinken. Sie kommt rein, zeigt auf den Boden und sagt: „So nice, sister!“
Diese Bestätigung hätte ich nicht mehr gebraucht, denke ich mir.



Donnerstag, 10:53 Uhr:


„Also ich hätte mir 10 kg irgendwie schwerer vorgestellt!“, sagt Alma, die den Sack auf dem Rücken trägt. Ich laufe neben ihr, halte zwei prall gefüllte Taschen in den Händen und stöhne auf. Es ist zu warm und zu beschwerlich, diese elende Schlepperei.



Vor etwa 2 Wochen:


„Also machen wir jetzt Nudeln mit Tomatensoße??“, frage ich und bekomme eine bestätigende Antwort.



Heute, 14: 49:


Ja, so war das gestern. Wir wollten den Mädchen einen Einblick in die deutsche Kultur bieten und wo lernt man eine Kultur besser und schneller kennen als beim Essen? Also beschlossen wir, aus den geringen Möglichkeiten, hier was typisch Deutsches zu kochen, das Beste zu machen. Wir besorgten 10 Kilo Nudeln und 5 Kilo Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch. Und, da uns die Tomatensoße zu teuer war, noch 4 Liter Ketchup. Wir zauberten ein wirklich leckeres Gericht, auch wenn das kaum vorstellbar ist, angesichts der Alternative für die Tomatensoße (allerdings haben wir dafür immerhin bunte Nudeln gekauft!).
Es war eine Katastrophe. Niemandem hat unser Essen geschmeckt (von Alma und mir selbst mal abgesehen)! Aus „Wann gibt’s endlich Essen, ich hab totalen Hunger?!“ wurde „Nee, lieber nicht so viel, ich bin heute nicht so hungrig!“, und aus meiner Ankündigung „Wir machen echtes deutsches Essen für euch!“ wurde ein rechtfertigendes „Naja, das ist eigentlich kein deutsches, sondern italienisches Essen…“.

Heute sollten dann die Reste gegessen werden, was unter elender Qual, unter Tränen und Schlägen dann auch widerwillig geschah.

Auch wenn die Geschichte keine Moral hat und ich nicht weiß, ob und was wir falsch gemacht haben, so bleibt mir doch ein Satz immer im Ohr: „So nice, sister!“

„Ja, ich weiß!“, denke ich mir jetzt und lächle zufrieden.